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Festrede zur Säcularfeier des Geburtsfestes Schiller's am 10. November 1859 im Namen der Ludwigs-Universität / gehalten von Dr. Gustav Baur, ord. Professor der Theologie.
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9 angeregt fühlte, und Geſtalten, in welche der Dichter die eigne Subjectivität ſo vollſtändig hinein⸗ gelegt hat, wie in Werther, in Taſſo, in Fauſt, hat der für ſo äußerſt ſubjectiv geltende Schiller niemals geſchaffen. Vielmehr war ſeine Richtung eine durchaus objective, inſofern er die Wahl ſeines Gegenſtandes niemals von einer augenblicklichen ſubjectiven Stimmung abhängig machte, ſondern ihn mit Bewußtſein und Abſicht dem Geſammtgebiete des menſchlichen Lebens entnahm, und inſofern er ſeine ſubjective Neigung den ewig gültigen Geſetzen, welche über dem Leben walten, unterwarf; und nur darin tritt ſeine Subjectivität hervor, daß er jenen Stoff dieſen Geſetzen gemäß, welche ſein Gemüth erfüllten, frei geſtaltete. Es liegt alſo der Unterſchied vielmehr eben darin, daß bei Göthe die äſthetiſche Empfänglichkeit, bei Schiller die ethiſche Selbſtthätigkeit vor⸗ wiegt. Man kann Göthe's künſtleriſches Schaffen nicht beſſer charakteriſieren als mit ſeinem eigenen Ausſpruch:Wer das Beſondere lebendig auffaßt, erhält das Allgemeine mit. Schiller dagegen bezeichnet die Richtung ſeines eigenen Geiſtes vortrefflich in den bekannten Diſtichen auf Columbus: Steu're muthiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen, Und der Schiffer am Steu'r ſenken die läſſige Hand; Immer, immer nach Weſt, dort muß die Küſte ſich zeigen, Liegt ſie doch deutlich und liegt ſchimmernd vor deinem Verſtand, Traue dem leitenden Gott, und folge dem ſchweigenden Weltmeer, Wär ſie noch nicht, ſie ſtieg jetzt aus den Fluthen empor: Mit dem Genius ſteht die Natur in ewigem Bunde, Was der eine verſpricht, leiſtet die andre gewiß!

Dort der offene Sinn, welcher den mannigfaltigſten Eindrücken empfänglich ſich hingibt und deſſen genialem Blicke, bald hier bald dort, in der Wirklichkeit ſelbſt der verbindende und belebende Mittelpunkt ſich offenbart, durch welchen das Einzelne zur allgemeinen Weihe geführt wird; hier der ſchaffende Genius, welcher von dem allgemeinen Gedanken ausgeht, aber deſſen Wahrheit zu⸗ traut, daß die entſprechende Wirklichkeit ſich finden und ihm fügen werde. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, wie es aus dieſem Grundunterſchiede ſich erklärt, daß bei Göthe die contemp⸗ lative, bei Schiller die ſpeculative Form der Gedankenbildung vorwiegt; daß Göthe es liebte, ſtiller Betrachtung der Natur ſich hinzugeben, um ihr Geheimniß ihr abzulauſchen, während Schiller ſein Intereſſe ausſchließlich der freien That und dem bewegten Leben des Menſchen und ſeiner Geſchichte zuwandte, um in der Weltgeſchichte das Weltgericht nachzuweiſen; daß an Göthe immer das herrliche klare und feurige Auge beſonders bewundert wurde, in welchem die Welt ihren vollkommenſten Spiegel fand, an Schiller aber die prächtige gedankenvolle Stirn. Handelt es ſich aber um eine vergleichende Werthſchätzung beider Dichter, ſo ſcheint mir hierfür Schiller ſelbſt die treffendſte Formel gefunden zu haben. Denn wenn er in ſeiner Abhandlung übernaive und ſentimentaliſche Dichtung auseinanderſetzt, daß die Größe des naiven Dichters in der Vollendung beſtehe, womit er eine beſchränktere Aufgabe löſt, die des ſentimentalen dagegen darin, daß er die Aufgabe ſich höher ſtellt und ihrer Löſung mit aller Kraft nachſtrebt: ſo gilt dieß auch vollſtändig von ſeinem Verhältniſſe zu Göthe. Die Art, wie Göthe die Eindrücke aufnimmt und ſie gleichſam von ſelbſt zu einem poetiſchen

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