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Heinrich Will : ein Gedenkblatt / [A.W.v. Hofmann]
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Die flüchtige Rückschau auf Will's Experimentalarbeiten, die wir auf zahlreiche, von ihm veranlasste Untersuchungen seiner Schüler hätten ausdehnen können, lässt erkennen, wie wichtig und wie mannich- faltig die Errungenschaften sind, welche die Wissenschaft dem uns entrückten Forscher dankt. Der Schwerpunkt von Will's Lebens- thätigkeit lag gleichwohl mehr noch als auf dem Gebiete der For- schung auf dem der Lehre. Der Eindruck dieser Lehre ist in der dankbaren Erinnerung zahlreicher Schäülerkreise erhalten.

Von dem peripatetischen Unterrichte in dem Laboratorium ist schon Anfangs dieser Skizze die Rede gewesen. Ein charakteristischer Zug desselben war die liebenswürdige Geduld, mit welcher Will es äüber sich gewann, das ihm selber doch nicht eben mehr Neue dem beginnenden Praktikanten mit unveränderter Frische und Eindring lichkeit wieder und wieder vorzuführen. In diesem Unterrichte kam jede Schülerindividualität zu ihrem vollen Rechte, so zwar, dass fast jeder geneigt war zu glauben, ein vor den Uebrigen Bevorzugter zu sein.

Von Will's Vorlesungen kann ich lejder nicht aus eigener Er- fahrung sprechen. Ich verliess Giessen sehr bald, nachdem er sich habilitirt hatte, und fand daher keine Gelegenheit, seinen Vorlesungen beizuwohnen. Aber oft genug habe ich den Eindruck schildern hören, welchen die Studirenden aus denselben mitnahmen, und diese Schilderung steht in vollem Einklang mit der Vorstellung, welche ich mir aus meinem persönlichen Verkehr mit dem Manne von denselben gebildet hatte. Will war ein abgesagter Feind der Phrase. Sein Ehrgeiz war es nicht, durch das Wort oder den Versuch zu blenden, sondern durch einen bis zur vollendeten Klarheit durchgedachten Vortrag zu be- lehren. Will's Zuhörer pflegten von ihm zu sagen, dass er in einer Stunde Das gebe, was ein Durchschnittsmensch mit hinwegzunehmen vermöge. Allein obschon Belehrung das Hauptziel war, welches er anstrebte, so war er doch weit entfernt, die Form zu vernachlässigen. Sein durch ein glückliches Organ gehobener Vortrag wird, obwohl als schlicht, doch als höchst lebendig und ausdrucksvoll geschildert, so dass Will's Colleg zu den anziehendsten der Universität gerechnet wurde.

Das beredteste Zeugniss aber, welches einem Lehrer ausgestellt werden kann, weit über die höchsten Lobeserhebungen hinausreichend, die sich seiner Thätigkeit zollen liessen, ist die Zahl und das Voll- bringen der Schüler, welche aus seiner Schule hervorgegangen sind. Und in dieser Beziehung ist Will ganz besonders vom Glücke be- günstigt gewesen. An nicht weniger als vier deutschen Universitäten, in Bonn und Königsberg, Breslau und Halle, sind Lehrstühle von Schülern Will's besetzt; ich brauche nur die Namen von August Kekulé, Walter Lossen, Theodor Poleck und Jacob Volhard zu nennen. Und in kaum geringerer Zahl begegnen wir ihnen an

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