Druckschrift 
Ueber die Bemerkungen in Bezug auf orientalische Sprachen / Dr. J.A. Vullers
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen

32

eine jede grammatiſche Form genau analyſirt und auf ihre Grund⸗ beſtandtheile zurückgeführt werden kann. Dieß iſt der große Vorzug des wahrhaft bewunderungswürdig organiſchen Baues der Sanskritſprache. Die irregulären Formen aber, die jedoch ver⸗ hältnißmäßig nicht ſo ſehr bedeutend ſind, erſchweren das Stu⸗ dium des Sanskrit keineswegs, denn theils kommen dergleichen bei der gewöhnlichen Lectüre gerade nicht ſo viele vor, theils ſind die grammatiſchen und lexikaliſchen Hülfsmittel des Sanskrit von den Europäern ſo methodiſch und zweckmäßig bearbeitet worden, daß das Auffinden ſolcher Formen dem Anfänger nicht ſchwer werden kann. Hat doch auch die griechiſche Sprache eine große Menge irregulärer Formen, deren Erlernung nicht geringeren Schwierigkeiten unterliegt und dennoch wird dieſelbe ſogar auf Gymnaſien gelehrt. Wird das Sanskrit nach der richtigen Me⸗ thode vorgetragen, ſo iſt das Erlernen dieſer Sprache nicht ſo ſchwierig, als man wohl glauben möchte. Beim Elementarun⸗ terricht verdient die analytiſche Methode nicht allein den Vorzug, ſondern ſie iſt ſogar abſolut nothwendig. Zuerſt trage man dem Schüler die Prinzipien der Grammatik recht kurz aber klar und gründlich vor, gehe dann ſogleich zum Ueberſetzen leichter Stücke über und laſſe den Schüler ſelbſt ſich üben, den Text vermittelſt eines Wörterbuchs und der Grammatik, jedoch wo möglich ohne Beihülfe einer Ueberſetzung, Wort für Wort nach den Regeln der Flexion, Etymologie, Compoſition und Syntax zu erklären. Nach⸗ dem er ſo einige Bücher oder Abſchnitte aus denſelben, bei deren Wahl man vom Leichten zum Schwierigen übergehen muß, ge⸗ leſen hat, wird er im Stande ſeyn, ohne Hülfe eines Lehrers die Sanskrit⸗Werke zu ſtudiren und ſeine Kenntniſſe in dieſer Sprache zu vervollkommenen*). Nach dieſer Methode habe ich das Sans⸗ krit in Berlin und Bonn ſtudirt und nach derſelben Methode lehre ich daſſelbe nun ſchon ſeit zehn Jahren an hieſiger Uni⸗ verſität und zwar mit dem Erfolge, daß meine Schüler ſchon

*) Siehe A. WV. de Schlegel Reéflexions sur l'étude des langues asia- liques. Bonn 1832. S. 159 161.