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Vor hundert Jahren : die Flucht des Gießener Universitäts-Archives vor den Franzosen 1796 / von Dr. O. Buchner
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dachte der alte Univerſitäts⸗Oeconom Vollhard an die Nothwendigkeit einer weiteren Flucht und wendete ſich in beweglichen Worten an den Rektor, ihn in dieſem Fall von dem Geſchäft zu entbinden und die ganze Arbeit dem in Hersfeld befindlichen Fürſtlichen Regierungsrath, Profeſſor und Univerſitäts⸗Syndikus Muſäus oder einem anderen beliebigen Bevollmächtigten von Gießen zu übertragen, da ſeine anderen Geſchäfte ihn bei den gefährlichen Zeitläufen verhinderten, ſich längere Zeit von zuhaus zu entfernen.

Immer noch war die Provinz voll Schrecken vor den Franzoſen und ihrem weiteren Vorrücken. In einem Briefe Vollhards von Alsfeld vom 15. Juli 1796 heißt es darüber: Obgleich es ſeit einigen Tagen dahier ziemlich ruhig, ſo werden wir doch noch immer durch allerley ſich durchkreutzende Schrecken verbreitende Gerüchte geängſtiget. Z. E.: Heute entſtunde das Gericht, daß eine Colonne Franken hier durch nach Fulda ziehen würde, um den Kaiſerlichen den Rückzug ins Frankenland abzuſchneiden. Inwiefern etwas hieran, muß die Zeit lehren. Der gütige Himmel verhüte dieſes und ſchenke uns den Frieden. Ohnerachtet wir dahier noch keine Franken geſehen, wie Sie, ſo glaube ich doch, daß der Schrecken und die Angſt bei uns noch größer war, als wirk lich bei Ihnen, wo ſolcher ſchnell und vorübergehend war. Mein Haus war gepfropft voll Flüchtlinge und Effecten, die theils blieben, theils fortreißten. Madame Weber und zwei älteſte Töchter Herrn Hofrath v. Schmalkalder von Grünberg ſind noch bey uns. Fr. H. v. Schmalkalder nebſt Ihrer Frau Mutter ſind geſtern zurück nach Grünberg.

In Gießen hatten ſich die Gemüther nach den erſten Tagen des Schreckens durch unerhörte Erpreſſungen und nach Abzug der franzöſiſchen Hauptmacht raſch beruhigt. Schon am 17. Juli gingen die Poſten wieder ihren alten Gang, der Gottesdienſt wurde wieder eingeführt und leidlich geordnete Zuſtände waren wieder eingetreten. Am deutlichſten erhellt dies daraus, daß ſchon am 19. Juli 1796 dem Secretär Oßwald vom Senat der Hochſchule Vollmacht ertheilt wurde,