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Vor hundert Jahren : die Flucht des Gießener Universitäts-Archives vor den Franzosen 1796 / von Dr. O. Buchner
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7. Juli nach Alsfeld weiter und nahm einen Kaſten mit den wichtigſten Grünberger Vogteipapieren mit. Hier erhielt er am 8. Juli Mittags die Nachricht, daß am Morgen des⸗ ſelben Tages Gießen von den Franzoſen beſetzt worden ſei. Daraufhin wurde für nötig erachtet, das Regierungsarchiv weiter zu ſchaffen. Als der alte Univerſitäts⸗Oeconomus Vollhard davon Wind bekam, ruhte er nicht, bis er auch die Werthſachen der Hochſchule an demſelben Tage weiter nach dem Amthof in Grebenau verſchickt hatte.

Das war aber leichter geſagt, als ausgeführt. In Alsfeld entſtanden, wie an vielen anderen Orten Unruhen und Aufſtände des ärmeren Volkes, das nicht flüchten konnte; es fanden Zuſammenrottungen der Bürger ſtatt, welche ver⸗ hindern wollten, daß ihresgleichen ihre Sachen in Sicherheit brächten. Nur mit Mühe gelang es, daß das Staats⸗ und Univerſitätseigenthum freigegeben wurde und abfahren konnte.

In Grebenau konnte man ruhiger an die weitere Flucht denken. Wohin? Die Feſte Ziegenhain war nicht feſter und ſicherer als Gießen. Man entſchloß ſich deßhalb, das Regierungsarchiv nach Hersfeld zu ſchaffen. Darauf⸗ hin ſollten auch die Univerſitäts⸗Acten ꝛc. dorthin verbracht werden.

Muſäus ſelbſt fuhr in der Nacht von Alsfeld ab und kam am 9. Juli morgens 10 Uhr in Hersfeld an. Gleich nach ſeiner Ankunft beſchickte er den Stadt⸗Oberſchultheiß Commiſſionsrath Vietor und ließ um einen Platz in der Regiſtratur nachſuchen, wo er die Univerſitätskiſten unter⸗ bringen könne. Es wurde ihm darauf verſichert, die Auf⸗ nahme ſei nicht ſchwierig, doch möge ſich Muſaeus des geeigneten Platzes wegen an Privathäuſer wenden. Da aber unterdeß für das Regierungsarchio Platz im Stiftsgebäude bewilligt worden war, ſo erwirkte Muſaeus die Erlaubniß, auch die Univerſitäts⸗Acten in dieſem wohlverwahrten, ſicheren Gebäude unterzubringen.

Aber der Schatz war noch nicht da! Sollten neue Zu⸗ ſammenrottungen ſtattgefunden, ſollte die Flucht verhindert,