An der alten Aula auf dem Brand, in der jetzt die Univerſitäts⸗Bibliothek untergebracht iſt, hat jeder Gießener ſchon die obige Anſchrift geſehen, ohne daß aber jeder weiß, welche Bedeutung der Name Senckenberg darin hat. Die Erklärung führt nothwendig zu einer kurzen Geſchichte der Uni⸗ verſitäts⸗Bibliothek, die aber, obgleich Herr Dr. Heuſer dieſelbe ſehr ausführlich behandelt hat, doch keine Wiederholung oder ein Auszug aus ſeiner verdienſtvollen Arbeit ſein wird. Sehr vieles, was Heuſer eingehend beſprochen hat, wird man in den folgenden beſcheidenen Mittheilungen vergebens ſuchen, mit manchem iſt es aber auch umgekehrt der Fall. Meine Notizen ſind zumeiſt aus Acten der Hochſchule ge⸗ ſchöpſt.
Als Landgraf Ludwig V., der Getreue, 1607 die Uni⸗ verſität Gießen gründete, hatte dieſe von Anfang an keine öffentliche Bibliothek. Den Grund dazu legte derſelbe Land⸗ graf erſt 1612, indem er eine Anzahl Bücher zu Straßburg kaufen ließ und ſie der Hochſchule ſchenkte. Es waren nicht viele, aber gute, und theilweiſe ſeltene Bücher aus allen Fächern. Einen weſentlichen Zuwachs erfuhr ſie durch die Ueberſiedelung unſerer Hochſchule nach Marburg, wo durch die landesväterliche Fürſorge Philipps des Großmüthigen während der 80 Jahre längeren Beſtehens der dortigen Univerſität ſich ſchon eine recht anſehnliche Bücherſammlung befand. Philipp hatte auch in der Reformations⸗Ordnung von 1565 beſtimmt, es ſollten alle Bücher an Ketten geſchmiedet und über dieſelben ein Verzeichnis angelegt werden. Es ſolle jedem Profeſſor und jedem studioso vergönnt ſein, in die Bibliothek zu gehn, doch dürften keine Bücher privatim davon getragen, noch verliehen, auch keine Blätter daraus geſchnitten werden. Ein geſchickter Mann aus


