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Akademische Erinnerungen, kulturgeschichtliche Beiträge und Erörterungen / von Dr. jur. Ernst Klein
Entstehung
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Als eine weitere Schädigung erſcheint unleugbar die Thatſache, daß die modernen Corpsſtudenten die Einfachheit der früheren Ge wohnheiten und Corpsgebräuche verlaſſen haben und ihrerſeits Gewohnheiten und Anſchauungen huldigen, die vor dem prüfenden Urtheil nicht beſtehen können. Die Studenten pflegen auf den Hochſchulen, in ſofern ſie nicht ſich überhaupt betreffend ferne halten, der einen oder anderen Corps⸗ oder nicht Corpsverbindung öfters ganz nach Zufällig keit anzugehören. Die Unterſtellung würde Niemand logiſch conſtruiren können: daß ausſchließlich nur den Mitgliedern der Corps innere Tüchtig⸗ keit und Ehrenhaftigkeit beiwohnen könnte und müßte dieſe einfache Be⸗ trachtung nothwendig von Ueberhebung und Eigendünkel abhalten. Mit berechtigtem Stolz mag der Corpsſtudent wie dieſes auch von den Corpsmitgliedern der früheren Zeit geſchah die freudige Empfindung hegen, daß ſein Corps ehrenhafte, tüchtige, in Freundſchaft und Anhäng lichkeit, Einer für Alle, Alle für Einen, zuverläſſig verbundene, in Gehorſam geſchulte Mitglieder zählt. Eine zur Geltung gebrachte Ueberhebung iſt aber entſchieden vom Uebel, ſie iſt nicht gerecht und auch unpraktiſch; ſie kann nur dahin führen, daß eine ſich noch mehr ſteigernde Un beliebtheit in den Maſſen des deutſchen Volks, ſowie Haß und Feind ſchaft anderer Verbindungen den Corpsbeſtand und Corpsintereſſen ſchwer ſchädigt.

Die arena iſt frei, mögen die jungen Leute auf den Hochſchulen im Guten, im wiſſenſchaftlichen Sinne, in idealen Anſchauungen wetteifern und ſich der akademiſchen Freiheit, der ſchönen Zeit ihrer ſtudentiſchen Jugend freuen.

Es war früherhin nicht Gepflogenheit eines Corps, als Solches praktiſche Politik zu treiben oder beſtimmten politiſchen Richtungen zu huldigen und zumeiſt ſchloſſen die Statuten ſolches aus. Der Freund ſchaftsbund umfaßte Alle: gleichviel, welche politiſche Anſchau ung der Einzelne für ſich hatte. Das vertrug ſich wohl mit den Corpsprincipien, kein Anſehen, nach Stand, Geburt, Religion, Geld, individuellen Anſchauungen. Der weitaus größten Mehrzahl nach ſtammen die Corpsmitglieder aus dem Volke und gehen wieder in dem einen oder anderen Lebensberuf in das Volk, zum Nutzen für das Vaterland.

Iſt es aber der Wille gewiſſer hochariſtokratiſcher, excluſiver Kreiſe nicht Wenige unter dieſen halten ſich davon fern auf den Hoch ſchulen für ſich hochconſervative Corpsverbindungen einzugehen zund dieſes auch äußerlich mit ſehr viel Geld und Aufwand, ſehr koſtſpieligen Gewohnheiten und Gebräuchen, Kleidung und Ausſchließlichkeiten ꝛc. ſichtbar zu machen, ſo iſt das ihre Sache