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Akademische Erinnerungen, kulturgeschichtliche Beiträge und Erörterungen / von Dr. jur. Ernst Klein
Entstehung
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man betrachte die wirklich ſchönen Uebungen und Aſſauts in Fleuret, Säbel und Rappier, wie ſie in den Fechtklubs junger Bürger, Kauf leute ꝛc. in den Städten, z. B. Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Offenbach u. ſ. w. ſtattfinden, und man wird begreifen, weshalb dieſe jungen und älteren, nichtſtudentiſchen Elemente mit Lächeln auf die ſogen.à tempo-Holzer der Univerſitäten blicken. Ueberhaupt ſind nach dem Urtheil der alten Herren und des competenten Publikums die zerhackten à tempo-Geſichter der Jetztzeit(alsIndianerviſagen bezeichnete ſie ſcherzhaft ein alter Herr in einer veröffentlichten Feſtrede) für die Corpsprincipien weder nothwendig noch anziehend und geben, wie ſattſam bekannt, ſehr vielen Eltern ein beſonderes Motiv ab, ihre Söhne von den Corps fern zu halten. 4

Ein wirklich zutreffender, durchſchlagender Grund für das Abgehen vom früheren kunſtvollen, eleganten Fechten und Pauken iſt abſolut nicht vorhanden. Die Thatſache, daß früherhin geſchickte Fechter einerlei aus welchem geſellſchaftlichen Her⸗ kommen öfters zu beſonderem Einfluß und zu Chargen gelangen konnten, ergab keine Nachtheile und konnte erforderlichenfalls beſeitigt werden und die bekannt gewordene Aeußerung: da könnte ja der fecht⸗ gewandte Sohn einesSchuuunſters eine Rolle im Corps ſpielen wollen,

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iſt bezeichnend. In manchen Corps waren Söhne von wohlhabenden

Handwerkern, die auf ihre Herkunft nie angeſehen wurden und tüchtige, liebe Corpsbrüder waren. Bequem iſt das kunſtvolle Fechtenlernen nicht, es koſtet körperliche Anſtrengung, namentlich mit der Vorbildung durch Fleuretſtoßen.

Nicht minder vollſtändig hinfällig iſt für das Aufgeben des kunſt vollen Fechtens der geäußerte Gedanken: das à tempo-Schlagen mit hierbei ziemlich regelmäßigen Schmißen bewirke, daß ſofort der Corpsſtudent am Geſicht, an den Narben in demſelben erkannt werde. Aber die Mitglieder zahlreicher nicht⸗corpsſtudentiſcher Ver⸗ bindungen, ſowie die Studenten der techniſchen Hochſchulen, welche ſich alle auch zur modernen Fechtweiſe bekehrt, ſie erſcheinen zahlreichſt mit gleich zerhackten Geſichtern. Zu früheren Zeiten galt es mit Grund als ein Vorzug, von den Gegnern möglichſt wenig berührt zu werden, und beſonders vorzügliche Fechter verließen nach allen Menſuren die Hochſchule mit glattem Geſicht(wie z. B. Friedrich Ihrig von Erbach, Guſtav Dieffenbach von Friedberg).

Es kann nicht fehlen, daß einſichtsvolle Corpsſtudenten, in Ver⸗ gleichung der früheren und jetzigen Fechtweiſe, das Verfehlte und den Corps Nachtheilige der Letzteren mehr und mehr erkennen.