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Festschrift zur Begrüßung der 38. Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner dargebracht / von dem Großherzogl. Realgymnasium und der Realschule zu Giessen
Entstehung
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dieſer Andrang abhängig iſt von der Geſchwindigkeit, und es ſchied ſo der Begriff der Maſſe aus der Vorſtellung von dem Andrang aus, indem der letztere gleich dem Produkt aus Maſſe und Ge⸗ ſchwindigkeit zu ſetzen war und den Kraftbegriff auf die bewegte Maſſe anzuwenden erlaubte. Man definiert demnach zwei Maſſen aus ver⸗ ſchiedenen Stoffarten als gleich, welche bei derſelben Geſchwindigkeit den gleichen Andrang ausüben. Dieſer Andrang wird alſo urſprünglich als Taſtempfindung geſchätzt. Aber die durch den Geſichtsſinn an den Bewegungen gemachten Beobachtungen ſind derart, daß auch hier dieſe Vorſtellung von dem Andrang ihre Bedeutung behält, indem auch hier dieſe als gleich geſchätzten Maſſen das gleiche Verhalten zeigen. Wenn zwei durch den Taſtſinn als gleich erkannten Maſſen beim Stoß mit gleicher Geſchwindigkeit gegeneinander anlaufen, ſo iſt ihre Wirkung die gleiche, wenn bei einer Centralbewegung der centrifugale Andrang, den die Maſſe infolge der Aenderung des Bewegungszuſtandes aus⸗ übt, gemeſſen wird, ſo findet man auch hier, daß dieſer Andrang bei den durch den Taſtſinn als gleich erkannten Maſſen der gleiche iſt. Man kann alſo zwei Maſſen als gleich definieren, welche in einem gegebenen Falle bei gleicher Geſchwindigkeit dieſelbe Wirkung ausüben, dieſe Defition gewinnt aber allgemeine Giltigkeit durch die Naturthat⸗ ſache, daß dieſe als gleich definierten Maſſen auch in jedem anderen Falle und bei jeder anderen gleichen Geſchwindigkeit dieſelbe Wirkung ausüben.

Es iſt ſchon bemerkt, daß ſich an die bewegte Maſſe die Vor⸗ ſtellung einer dem Produkt von Maſſe und Geſchwindigkeit entſprechenden Kraftgröße knüpft. Dieſe Kraftgröße hat ihren Inhalt in der Be⸗ ziehung auf die eventuelle Empfindung, die der Andrang dieſer be⸗ wegten Maſſe auszuüben vermag. Die Betrachtung der Bewegungen als reine Anſchauungsobjekte hatte ſchon zum Trägheitsgeſetz geführt, darnach erhielt dasſelbe die Faſſung: daß die Materie ſich ſelbſt über⸗ laſſen geradlinig und gleichförmig ſich fortbewegt. Mit Beziehung auf den Kraftbegriff erhält dasſelbe hier noch den Zuſatz, daß die Maſſe gegen jede Aenderung des Bewegungszuſtandes einen ihrer Größe entſprechenden Widerſtand entgegenſetzt. Dieſer Zuſatz iſt nicht etwa ſchon als Folgerung in der urſprünglichen Faſſung des Träg⸗ heitsgeſetzes enthalten, denn darnach iſt allerdings jede Aenderung des Bewegungszuſtandes als verurſacht anzuſehen, indeſſen wäre es denkbar,