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Festschrift zur Begrüßung der 38. Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner dargebracht / von dem Großherzogl. Realgymnasium und der Realschule zu Giessen
Entstehung
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produciert. Daß mit dem Taſtſinn Bewegung wahrgenommen werden kann, z. B. die Geſtalt eines Körpers dadurch zu erkennen iſt, liegt als Thatſache vor. Aber dieſe Bewegung und Geſtalt wird hierbei ſtets phantaſiemäßig vorgeſtellt als Geſichtsobjekt. Der Gegenſtand der Mechanik war daher die Charakteriſierung von Geſichtsphänomenen oder wenn man will, da es nur auf die begrifflichen Verhältniſſe der Bewegung, nicht auf ihre ſinnliche Erſcheinung ankam, die Charakteri⸗ ſierung von Phänomenen der reinen Raumanſchauung. Die Begriffe von Maſſe und Kraft ſind indeſſen nicht aus Geſichtswahrnehmungen entſtanden, und daß dieſelben einen Gegenſtand in den durch den Geſichtsſinn gegebenen Bewegungserſcheinungen fanden, war keineswegs ſelbſtverſtändlich. Dieſe beiden Begriffe von Kraft und Maſſe müſſen ſich aus den durch beide Sinne gemachten Wahrnehmungen entwickelt haben. Man hat hierüber anders gedacht. Hinſichtlich des Begriffs der Maſſe ſind ſtets rationaliſtiſche Anſichten in Geltung geweſen,

wonach die Maſſe als Quantität der Materie gefaßt wurde, welche als das an ſich Exiſtente, die Subſtanz die Grundlage der Dinge

bildete und durch keine Sinneswahrnehmung gegeben werden könne. Selbſt der Senſualiſt Locke hielt die Dichte für eine primäre Eigen⸗ ſchaft, die demgemäß den Dingen an ſich zukäme. Es ſchien dieſe ſpeculative Vorſtellung von der Subſtanz auch in einer Reihe wiſſen⸗

ſchaftlicher Thatſachen ihre Beſtätigung zu finden. Das Gewicht, in welchem man den zahlenmäßigen Ausdruck für die Maſſe erkannte, zeigte ſich als eine vollſtändig conſtante Größe, es blieb dasſelbe, wenn ein Körper aus einem Aggregatzuſtand übergeführt wurde in einen andern, es blieb dasſelbe, wenn in chemiſcher Verbindung aus zwei Körpern ein neuer entſtand mit ganz anderen Eigenſchaften. Durch dieſe Thatſachen veranlaßt, war die atomiſtiſche Hypotheſe entſtanden. Darnach wurden alle Vorgänge gefaßt als Verbindung und Trennung von kleinſten an ſich exiſtenten Subſtanzen. Von der Maſſe wurde daun gewöhnlich geſagt, ſie ſei die Summe aller materiellen Teile. Aber dieſe Definition hatte doch nur dann Sinn, wenn Atome von ganz gleicher Beſchaffenheit als Subſtanzen vorausgeſetzt wurden, als deren verſchiedenartige Gruppierungen dann die Stoffe aufzufaſſen waren. Dieſe Anſicht ſchien auch ihre Unterſtützung zu finden in der Thatſache, daß die Atomgewichte der chemiſchen Elemente durch ganze Zahlen ausgedrückt wurden. Darauf geſtützt bildete Prout ſeine Hypo⸗

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