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Über Alter und Wechsel der Professoren an den deutschen Universitäten : akademische Festrede zur Feier des Stiftungsfestes der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Universität am 1. Juli 1881 / gehalten von dem derzeitigen Rektor Dr. Etienne Laspeyres, ordentlichem Professor der Staatswissenschaften
Entstehung
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außerdem noch geringere Zahlungsfähigkeit der Theologen auf Frequenz und Einnahme weniger Gewicht legen läßt? Wir haben dieſe dunkelen wirthſchaftlich-⸗pſychologiſchen Fragen mit der Fackel der Statiſtik leider noch nicht zu beleuchten vermocht.

Doch ich habe Ihre Geduld mit allgemeinen ſtatiſtiſchen Univerſitätsfragen, obwohl ich eine Menge anderer noch unterdrückte, ſchon zu lange in Anſpruch genommen, und breche hier⸗ mit ab, indem ich für die Frage des Alters und des Wechſels nur noch einmal auf unſere Ludo⸗ viciana, von der ich ausging, zurückkomme.

Warum wir die jüngſte deutſche Hochſchule ſind, iſt leicht zu beantworten. Der Grund der Jugendlichkeit liegt neben der Kleinheit der Univerſität vornehmlich darin, daß bei uns von der Penſionirung, der erbetenen, der gegebenen und der quaſierbetenen in ſtärkerem Maße Gebrauch gemacht wird als anderwärts. Denken Sie, daß wie anderwärts, auch bei uns die 6 augenblick⸗ lich noch lebenden penſionirten Profeſſoren mit ihren durchſchnittlich faſt 73 Jahren neben den jetzigen Vertretern dieſer Fächer oder ſtatt derſelben an unſerer Hochſchule lehrten, dann würde unſere übergroße Jugendlichkeit von 46 Jahren auf 50 bis 51 Jahre emporſchnellen. Dieſer Umſtand iſt ſehr zu beherzigen, will man einer Vergleichung Gießens mit andern Univerſitäten gerecht werden.

Damit endlich neben der räumlichen Vergleichung Gießens mit ihren älteren Schweſtern doch auch eine kleine hiſtoriſche Forſchung ſtehe, will ich Ihnen noch zeigen, ob denn der Wechſel ſchon lange Zeit unſere Reihen ſo ſchnell immer wieder gelichtet hat. Eine Durchblätterung der Perſonalbeſtände unſerer Hochſchule, ſoweit ſie gedruckt vorliegen, ergab, daß in den letzten 40 Jahren, alſo von 1840 an von je 5 zu 5 Jahren der Wechſel betrug: 21, 29, 28, 16, 23, 39, 32, 36 Procent. Zuſammen gefaßt in zwei gleiche Perioden von je 20 Jahren ſtieg der Wechſel ſeit 1860, der Periode des ziemlich völlig ausgebauten Eiſenbahnnetzes, von durchſchnittlich 23 auf durch⸗ ſchnittlich 33 Procent. Die Eiſenbahnen ſcheinen, wie es das Beiſpiel von Gießen lehrt, den Nomaden⸗ character der deutſchen Profeſſoren auf eine ſehr hohe Stufe der Entwickelung gebracht zu haben. Nehmen wir gar den allerneueſten Fünfjahrewechſel, der ſich in Gießen von 1877 auf 1882 voll⸗ zogen hat, ſo iſt er nicht 23 und nicht 33, ſondern 43 Procent, bei den Philoſophen zwar nur 25 Procent, bei den Juriſten aber 50 Procent, bei den Medicinern 67 Procent und bei den Theologen gar 75 Procent.

Wenn das ſo fortgeht, wie viele von uns werden dann nach abermals 5 Jahren noch wieder hier zum Stiftungsfeſt erſcheinen? Laſſen Sie mich ſchließen mit dem Wunſch, daß es doch nicht gar zu Wenige ſein möchten.

jer