Hochanſehnliche Verſammlung!
Unter dem Schutze Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludewig des vierten, deſſen Bildniß bis in ferne Jahrhunderte die Ehren⸗Kette unſeres Rectors ſchmückt, begehen wir heute wieder das Stiftungsfeſt unſerer Alma Mater Ludoviciana, und auf dieſen Schutz feſt vertrauend bringen wir unſerm Schirmherrn an dieſem Tage den erſten Gruß und die Verſiche⸗ rung unſerer unerſchütterlichen Treue entgegen. Auf dieſen Schutz vertrauen zu dürfen iſt für uns beſonders wichtig in einer Zeit, wie die jetzige, in welcher bedenkliche Anzeichen aufſteigen, daß das Land ſeine höchſten Bildungsanſtalten aus wirklicher oder aus vermeintlicher Finanznoth auf das Nothwendige, das Handwerksmäßige herabſinken laſſen will. In einer Zeit mit ſolcher Tendenz auf das Nothwendige und Handwerksmäßige iſt es gewiß angezeigt, daß die Landesuniverſität was an ihr iſt, dazu thue, wenigſtens einmal im Jahre, wenn auch in beſcheidenen Grenzen, dem Luxus und der Kunſt Eingang in ihre Feſträume zu verſchaffen. Von dieſem Gedanken geleitet, iſt zum erſten Male an dieſem Stiftungsfeſte der Hochſchule neben der Wiſſenſchaft auch die Kunſt in ihr Recht, das ſie an dieſem Jubeltage beanſpruchen darf, getreten. Zu dem bunten ſtudentiſchen Fahnenſchmuck und dem grünen Laubwerk, die bisher unſerer Feier fehlten, hat ſich ein reicher Damenflor mit jugendfriſcher Stimme und der kraftvolle Männerchor unſerer Studentenſchaft geſellt.
Zu dem ernſten Wort von dieſer höchſten Stätte der Univerſität iſt der liebliche Friedens⸗ gruß getreten, den wir ſoeben vernommen haben in den ſchönen Worten:„Wie lieblich ſind die Boten die den Frieden verkündigen.“ Mögen dieſe Worte für die ſtudirende Jugend in ihren verſchiedenen Verbindungen, deren Vertreter wir unter uns mit Freuden erblicken, eine Mahnung ſein ſich gegen⸗ ſeitig in ihren Beſtrebungen, mögen dieſelben noch ſo weit auseinander gehen, zu achten, mögen dieſe Worte aber auch für uns Profeſſoren die ſchöne Bedeutung haben, daß alle Verſchiedenheit der Meinungen, ja ſelbſt manche Schroffheiten in akademiſchen Verhandlungen den Frieden dieſer heiligen Stätte der Wiſſenſchaft höchſtens für ein paar aufgeregte Stunden, nicht aber über die Nacht hinaus auf Tage und Jahre trüben dürfen.


