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Über Alter und Wechsel der Professoren an den deutschen Universitäten : akademische Festrede zur Feier des Stiftungsfestes der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Universität am 1. Juli 1881 / gehalten von dem derzeitigen Rektor Dr. Etienne Laspeyres, ordentlichem Professor der Staatswissenschaften
Entstehung
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Es war bisher üblich, daß der Rector am 1. Juli die Feſtrede ſeinem Lehr⸗ und For⸗ ſchungsgebiete entnahm. Richtiger iſt es vielleicht, wenn an dieſem Tage Gegenſtände beſprochen werden, welche entweder ganz allgemeine Univerſitätsfragen berühren oder in Beziehung zu unſerer Landesuniverſität ſtehen. So hat ſchon, den letzteren Weg einſchlagend, mein Vorgänger im Amt ſeine letzte Rectoratsrede der Geſchichte unſerer Hochſchule entnommen. Wähle auch ich mein Thema ſowohl aus allgemeinen Univerſitätsfragen als auch aus Fragen, welche unſere Ludoviciana be⸗ rühren und nehme ich aus meinem Forſchungsgebiete nur die Methode, die ſtatiſtiſche Behandlung, ſo bin ich mir in Bezug auf dies Letztere der Schwierigkeit meines Unterfangens wohl bewußt. Eine Statiſtik kann nicht vermeiden, Zahlen, viele Zahlen zu nennen, aber es wirkt ermüdend viele Zahlen zu hören. Wenn auch ich trotz allen Bemühungen möglichſt Ihnen die Zahlen zu er⸗ ſparen, mit ziemlich viel Zahlen Sie behelligen muß, und dadurch etwa Ihren Unwillen errege, ſo habe ich mich mit gewiſſen Dramatikern zu tröſten. Wie es im Drama neben den bühnen⸗ mäßigen Dramen eine Menge Dramen giebt, welche nur geleſen aber nicht aufgeführt gefallen, und man dieſe Dramen ganz richtig Buchdramen nennt, ſo dürfte auch meine Rede weniger eine Katheder⸗ Rede als eine Buchrede ſein, in welcher, wenn dieſelbe erſt gedruckt vorliegt, gewiß Manche unter

Ihnen, geehrte Herren Collegen, Zahlen finden werden, welche Ihre Aufmerkſamkeit feſſeln und Sie zum weiterem Nachdenken darüber anregen.

Ich beginne meine ſtatiſtiſchen Unterſuchungen mit Darſtellung der mancherlei Perſonal⸗ veränderungen unſerer Hochſchule in dem heute abgelaufenen letzten Jahre.

In Perſonalfragen ſpielt für uns die erſte Rolle unſtreitig die Studentenſchaft. Hier können wir mit Freuden berichten, daß, nachdem wir im Sommer 1881 zum erſten Mal wieder ſeit 1866 die Zahl von 400 Studenten überſchritten hatten, und 402 Studirende aufweiſen konnten, wir im letzten Jahre einen weiteren Fortſchritt auf 435 gemacht haben, eine Zahl, welche ſeit mehr als 30 Jahren, ſeit 1850 nicht mehr erreicht worden war.

In unſerem Lehrbeſtand, welcher augenblicklich 36 ordentliche Profeſſoren, einen ordentlichen Honorarprofeſſor, 9 außerordentliche Profeſſoren, einen weiteren Lehrer, 3 Privatdocenten, 4 Lehrer der freien Künſte und 13 Aſſiſtenten umfaßt, ſind, wie das auch ſein ſoll, unter den Aſſiſtenten die meiſten Veränderungen eingetreten, denn nur drei unter den 13 ſind uns aus dem Vorjahr überkommen. Durch Tod haben wir nur ein Mitglied des Lehrkörpers verloren, dagegen folgten einem Rufe an andere Lehrſtellen zwei außerordentliche und einem Ruf an andere Univerſitäten drei ordentliche Profeſſoren. Ausnahmsweiſe lehnten zwei Profeſſoren einen Ruf an andere Hoch⸗ ſchulen ab, während ſonſt gewöhnlich der aus Gießen anderswohin Berufene dem Rufe folgt. An Profeſſoren traten in den Lehrkörper neu ein 3 Ordinarien und ein Extraordinarius.

An dieſe kurze, meinem Lehrfach entſprechend, nur ſtatiſtiſche, d. h. Namen nicht nennende, Schilderung des Ganges und Standes unſeres Lehrperſonals knüpfe ich eine eingehendere Betrachtung nur der zwei Fragen nach dem Wechſel der Profeſſoren und nach dem Alter derſelben, Beides in geographiſcher Vergleichung Gießens mit den Schweſteranſtalten Deutſchlands und den,