V. Aufhebung der Faeultätsprüfungen.
Im Großherzogthum Heſſen beſteht, ebenſo wie in anderen deutſchen Staaten, die Einrichtung, daß die von der Univerſität abgehenden Studirenden von den Mitgliedern der Facultät, wel⸗ cher ſie angehören, geprüft werden.
Dieſe Einrichtung hat jedoch verſchiedene ſehr nachtheilig wirkende Mißſtände in ihrem Gefolge. Es iſt nämlich unter den Studirenden ziemlich allgemein der Glaube verbreitet, daß manche Professores ordinarii diejenigen Candidaten, welche keine oder nur wenige Collegien bei ihnen gehört haben, dieß im Examen durch auffallende Strenge, ja durch wirklich chikanöſe Fragen entgelten ließen, während ſie die fleißigen Beſucher ihrer Vorleſungen durch große Nachſicht bei der Prüfung bevorzugten. Ob dieſe Annahme eine gegründete iſt oder nicht, kann um ſo mehr ganz unerörtert bleiben, als ſchon die Ueberzeugung von der Möglichkeit einer ſolchen Pflichtvergeſſenheit und Gewiſſenloſigkeit eines Pro⸗ feſſors hinreicht, die Studirenden moraliſch zu zwingen, die Collegien vorzugsweiſe bei ihren künftigen Examinatoren, bei den ordentlichen Profeſſoren, zu hören. Und wer wollte ihnen eine ſolche cap- tatio benevolentiae verargen? Hierin aber liegt eine größere und nachtheiligere Beeinträchtigung der Studienfreiheit, als ſie die ſtreng bindenden Vorſchriften eines Studienplans erzeugen können. Denn in Folge dieſes Umſtandes halten ſich die Studenten für ge⸗ nöthigt, die Vorleſungen der ordentlichen Profeſſoren zu beſuchen, auch wenn ſie ſchon im Voraus die Ueberzeugung haben, daß ſie bei dieſem oder jenem Lehrer nichts lernen werden; auch wenn ſie Gelegenheit haben, dasſelbe Colleg in viel erſprieß⸗ licherer Weiſe und zu derſelben Zeit bei einem geiſtvollen Professor extraordinarius oder Privatdocenten hören zu können. Und, was nicht minder, was vielleicht noch nachtheiliger iſt: die Studenten denken um des künftigen Examens willen mehr daran, den Buchſtaben der Hefte ihrer Examinatoren dem Gedächtniſſe einzuprägen, als durch eigentliches Studium ſelbſtſtändig in den Geiſt ihrer Wiſſenſchaft einzudringen.


