206 Kritiſche Beleuchtung der Prinzipien
aus der Theologie zu verbannen, der würde dadurch nur be⸗ weiſen, daß er die Sache blos vom Hörenſagen oder aus den Tiraden des Menzel'ſchen Literaturblattes kennt oder vielmehr— nicht kennt. Mit dem Vorwurfe des Pantheismus und des deſtruktiven Elements kann ſich heutzutage Jemand nur noch lä⸗ cherlich machen. Schon der Anſtand müßte dieſe theologiſchen Gegner der modernen Philoſophie, wenn ſie ehrlich wären, ſtutzig machen, daß noch Niemand gründlich und unbefangen die Entwicklungsgeſchichte derſelben ſtudiert hat, ohne für dieſelbe gewonnen worden zu ſeyn. Hier gilt's vor Allem: komm und ſtehe! und überzeuge dich ſelber; sapere aude! Man komme uns nicht mit dem Vorwurf des Hochmuths und der Anmaßung; ſonſt würde derſelbe in anderer Weiſe zurückgegeben werden, daß man ſich nämlich nicht entblödet, über Philoſophie auch nur ein Wort mitſprechen zu wollen, ohne ſich durch eignes, ſelbſtver⸗ leugnendes Studium das Recht dazu erworben und ein Urtheil begründet zu haben. Man hört dieſe Art Theologen beſtändig gegen Strauß, Feuerbach und Bruno Bauer ſchreien; aber wi⸗ derlegt, ja nur mit philoſophiſchen Gründen hat dieſe Männer noch Keiner dieſer Theologen angegriffen. Oder glaubt man dadurch, daß man die Werke Jener wiſſenſchaftlich ignorirt, ihre Grundſätze widerlegen, die Gegner beſiegen zu können. Der erſte philoſophiſch und dialektiſch gebildete, ebenbürtige theo⸗ logiſche Gegner hat noch aufzuſtehen, der den modernen David mit gleichen Waffen, auf ſeinem eigneu Terrain und in ſeinem innerſten Prinzip angreift. Aber prahlende Goliath's gibt's die Fülle. Der eingetretene Zwieſpalt zwiſchen Glauben und Wiſſen, die ſteigende Spannung zwiſchen der Theologie und der modernen Wiſſenſchaft, rückt einer bedeutenden Kriſis immer näher und ſcheint faſt nahe dran zu ſeyn, zu einem unheilbaren Bruche umzuſchlagen. Die Theologen haben kaprizirte Verſuche genug gemacht, den Volksglauben und die Orthodoxrie auch im Be⸗ wußtſeyn der Gebildeten zu retten; aber den Zwieſpalt auf wiſ— ſenſchaftlichem, philoſophiſchem Wege zu löſen, iſt auch noch nicht im Entfernteſten gelungen. Die Gießener theologiſche Fakultät erkennt ihn gar nicht in ſeiner Bedeutung an, denn ſie verſucht gar nicht einmal die Löſung, ſie verhält ſich indifferent dagegen. Die praktiſchen Inſtitute, auf welche Hr. v. Linde ſo großes
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