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Gegenbemerkungen auf die Bemerkungen des Herrn Geheimen Raths Dr. Schleiermacher über den Studienplan für die Großherzoglich Hessische Landesuniversität zu Gießen / vom Geheimen Medicinalrathe Dr. v. Ritgen, Professor an dieser Universität
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wo ſollen die künftigen Phyſikatswundärzte dieſe ſoeben aufgezähl⸗ ten Kenntniſſe ſich erwerben? Daß ſie ſich die nöthigen Kenntniſſe in der theoretiſchen und practiſchen Anatomie nur dort erwerben können, wo Anatomie gelehrt wird, iſt von ſelbſt klar. Da nun Vorleſungen über Anatomie und practiſcher Unterricht in derſelben nur an Univerſitäten und in unſerem Staate nur an der Landes⸗ univerſität gegeben werden, ſo folgt von ſelbſt, daß es den Zög⸗ lingen für künftige Phyſikatschirurgenſtellen erlaubt ſeyn müſſe, dem anatomiſchen Unterrichte an unſerer Hochſchule beizuwohnen, und daß ſie, wenn ſie nicht durch Zeugniſſe nachweiſen können, daß ſie etwa an einer auswärtigen Univerſität oder auch am Senkenbergi⸗ ſchen Inſtitute zu Frankfurt den Unterricht in der Anatomie genoſ⸗ ſen haben, ſogar dazu angewieſen werden müſſen, bevor ſie zum Eramen zugelaſſen werden. Auch iſt der Unterricht in der Anato⸗ mie für ſie eben ſo gut verſtändlich, wie für die wirklichen Stu⸗ denten. Wir haben bereits oben angedeutet, welche Maßregeln zu nehmen ſeyen, damit ſie ſich nicht als Studenten zu betrachten an⸗ fangen. Was nun die Kenntniſſe betrifft, welche ſie in der Chi⸗ rurgie und in der innern Heilkunde bedürfen; ſo iſt es ferner klar, daß es bei ihnen vorzugsweiſe auf practiſche Gewandtheit ankommt und auf ſo viel theoretiſches Wiſſen, daß ſie für jeden Fall anzu⸗ geben im Stande ſind, was zu thun iſt, daß aber eine eigent⸗ lich wiſſenſchaftliche Bildung für ſie nicht iſt. Darum werden die academiſchen Vorleſungen über Chirurgie und innere Heilkunde, mit Ausnahme des Unterrichts im chirurgiſchen Verbande, für ſie eigentlich nicht ganz paſſen. Doch müſſen ſie auch beim Unterrichte in den chirurgiſchen Operationen zugegen ſeyn, um durch Anſchau⸗ ung zu erfahren, welche Lage dem zu Operirenden gegeben werden müſſe und wie ſie bei Operationen dem Operateur an die Hand zu gehen haben. Wenn nun auch die übrigen Vorleſungen über Chi⸗ rurgie und innere Heilkunde für ſie nicht ſind, ſo wird man ihnen doch das Beſuchen derſelben in ſo weit, als darin die ihnen nothwendigen Kenntniſſe vorkom⸗ men, zugeſtehen müſſen, wenn nicht ein eigener Vortrag für ſie organiſirt werden ſoll. Aber es dürfte gut ſeyn, daß diejenigen, welche ſich bei uns bilden wollen, ſobald die cliniſche Anſtalt er⸗ richtet iſt, in der Anlegung des Verbandes, im Aderlaſſen ꝛc. mit den wirklichen Studenten geübt werden; auch wird es gut ſeyn, daß ſie beim Krankenexamen in der Klinik als Auscultanten zuge⸗ gen ſind, um es hier zu lernen, wie ein Krankenbericht zu ent⸗ werfen iſt. Da ſie im Uebrigen nicht wirkliche Studenten ſeyn dür⸗ fen, und es darauf ankommt, daß ſie ſich nicht über ihren Kreis hinaus in eine ihnen unverdauliche, wiſſenſchaftliche Ausdehnung verſteigen; ſo dürfte es wenigſtens vor der Hand am beſten ſeyn, es ihnen frei zu laſſen, wo und auf welche Weiſe ſie ſich die Kenntniſſe erwerben, die man von ihnen fordern muß; nur muß

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