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Nothfalle auf ſeinem entlegenen Dorfe als erwünſchter Helfer zu erſcheinen?
In der Stadt wird Jedermann zunächſt zu dem Arzte ſchicken, auf dem Lande aber möchte häufig ſeine Hülfe zu ſpät kommen, wenn nicht der näherwohnende Wundarzt einſtweilen die dringendſten Gefahren beſeitigt hat.— Recht ſonderbar nimmt ſich die Bemerkung aus, daß der Chirurg in Vergif⸗ tungsfällen keine Nothhülfe leiſten könne, weil er kein ordent⸗ liches Studium aus der Torxicologie gemacht habe. Werden dieſe Worte genau genommen, ſo darf bei Vergiftungen über⸗ haupt Niemand Hand anlegen, als derjenige, welcher Torxi⸗ cologie genau ſtudirt hat. Der eigene Vater, der dazu kommt, wie ſein Kind eine giftige Subſtanz verſchlingt, darf nicht zum erſten beſten Hülfsmittel greifen, denn er hat nicht Torxicologie ſtudirt. In den meiſten Fällen iſt das Gift bekannt, durch welches die Zufälle erregt worden ſind, und es bedarf nur ei⸗ ner empiriſchen Kenntniß der Gegengifte, um das Erforderliche zu thun. Auch der Arzt hält ſich in Vergiftungsfällen nicht damit auf, das Gift erſt näher zu unterſuchen, es chemiſch zu zerlegen, er entfernt zunächſt die dringendſten Gefahren. Auch wenn ihm das Gift noch nicht aus der Mittheilung des Kran ken bekannt iſt, wird er ſich in der erſten Noth nicht damit be ſchäftigen, es zuerſt etwa chemiſch zu beſtimmen, um in der Wahl des Gegengiftes ja keinen Mißgriff zu begehen, ſondern den er ſten dringendſten Zufällen wird er, aus allgemeiner Kenntniß, Hülfe entgegen zu ſetzen wiſſen. Soll der Wundarzt nicht ein Gleiches in einem Nothfalle thun dürfen? ſoll er einem Men ſchen, von dem er weiß, daß er Sublimat zu ſich genommen hat, nicht etwas Zuckerwaſſer oder Eiweiß geben dürfen, oder einem andern, der ſich mit Schwefelſäure zu vergiften ſuchte, nicht etwas Magneſia oder Kreide, oder Seifenbrühe, oder ir gend eine andere, die Säure bindende Subſtanz, wie ſich eine ſolche léicht überall findet, bloß weil er dieſe Subſtanzen nicht toxicologiſch ſtudirt hat, und theoretiſch nicht Rechenſchaft von ihrem gegenſeitigen Verhalten zu geben vermag.
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