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ein Criminalverbrechen zu behandeln und ſo vermeintlich das Corpsweſen an der Wurzel abzu⸗ ſchneiden, wird ſicher finden, wie noch vor wenigen Jahren Heidelberg und etwas früher(1839) bei dem Carcerſturm Gießen ſelbſt erfahren, daß man damit nicht die Corps, ſondern ſich ſelbſt vernichtet und die Studenten nur auf andere Hochſchulen treibt; worin wir, denke ich, einmal anderen den Vortritt laſſen wollen. Gewiß wird einſtens das Duell aus der Geſellſchaft ver⸗ ſchwinden, wie die fahrenden Schüler verſchwunden ſind und die bettelnden Handwerksburſchen anfangen ſelten zu werden. Aber nicht Kaiſers Gebot und nicht die ſchwerſten Strafen haben dem Fechten ein Ende gemacht, ſondern ein geſteigerter Wohlſtand, Erleichterung der Communi⸗ cationsmittel und gehobene Standesehre. Wenn wir aus Laukhard's Leben ſehen, welch ein Abgrund der brutalſten Rohheit vor noch nicht ganz 100 Jahren ſich an deutſchen Univerſitäten breit machte, ſo kann man nicht umhin, zuzugeben, daß auch in dieſe Kreiſe allmählich Sitte und Anſtand eindringt. Und wenn wir es als ſelbſtverſtändlich betrachten, daß heutigen Tages ein Student nicht mehr, wie 1801, Mittags auf offenem Kirchenplatz in Gießen dem Polizeidiener den Zopf abſchneidet, und zwar aus mehreren Gründen; ſo können wir eben doch daraus lernen, daß eben ein Zopf vorausgeſetzt wird, ehe man ihn abſchneiden kann. So lange aber die Alten auf ihrem ländlichen Caſino nichts Beſſeres wiſſen, als mit den Erinnerungen der Studenten⸗ jahre zu renommiren, muthe man uns nicht zu, die verſäumte Erziehung der Söhne nachzuholen, die nicht unſere Sache iſt. Das Verbindungsweſen hat ſeine Berechtigung in dem Triebe zu geordneter und ſicherer Geſelligkeit, in dem Widerwillen gegen Standesvorrechte und vornehme An⸗ maßung, und in dem Hange der Jugend an phantaſtiſchem Treiben; und ſo lange es nicht gelingt, ihr einen anderen und ausreichenden Erſatz zu bieten, iſt es vergebliche Mühe, durch Verbote etwas beſſern zu wollen. In der That, ich habe den Studenten kennen gelernt in Holland, in England, in Frankreich und anderen Ländern; er hat allerdings mit unſerer Species gar keine Aehnlichkeit. Aber wenn Sie mich nun fragen,— welcher iſt Dir der liebſte?— ſo ziehe ich trotz alledem meinen deutſchen Studenten vor.— Man thut Unrecht, dieſer Beſonderheit des deutſchen Univerſitätslebens allein die Schuld aufzubürden für Erſcheinungen, welche ganz all⸗ gemein ſind: nämlich die Thatſache, daß überhaupt ſtets nur Wenige einen wahren, inneren und nachhaltigen Beruf für die ernſte, ſchwierige und nüchterne Wiſſenſchaft haben können; und vor Allem der Hauptfehler: die Jugend! ein Fehler, von dem wir ſämmtlich nur allzuſchnell geheilt werden.
„Denn es iſt und bleibt doch ewig wahr:
Aufblühende Jugend, reiches Gut,
Die zwei ſind voller Uebermuth.“
(Gottfried von Straßburg.)
Der Staat hat am Ende nicht nur nicht die Mittel, ſondern auch nicht das Recht, dem Einzelnen zu verwehren, Sonderlichkeiten zu treiben und Geld und Zeit zu verſchwenden; ſei er nun Student oder Börſenſpeculant; und es würde abſolut unvereinbar ſein mit unſeren Begriffen von Lernfreiheit und Lehrfreiheit, unſerem unantaſtbaren und höchſten Palladium, wenn wir unter Denen, die in thörichter Weiſe ihre Jugend vergeuden, alle die Anderen wollten mit leiden laſſen, welche das rechte Maß von Erholung und Arbeit, von Scherz und Ernſt rechtzeitig zu


