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Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
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ſorglos vorüberjubeln. In weiterer Ferne ſehen wir die Einen ihr Erworbenes froh und zufrie⸗ den in Sicherheit bringen; ganz weit im Hintergrunde, für den Eintretenden noch verdeckt, ſchleichen trauernd und mit Thränen im Blicke einzelne ſtille Geſtalten wieder hinaus, mit leeren Händen, mit geſcheiterten Hoffnungen.

Dieß ſind nicht etwa Phantaſien, nein: Zahlen beweiſen. Nach einem berechneten Durch⸗ ſchnitt von 1847 bis 1860 treten jährlich 16 junge Inländer ein, um, nach vieljährigen Vor⸗ ſtudien und zahlreich aufgewendetem Gelde, oft das mühſam Erſparte wenig vermögender Eltern, hier das Studium der Medicin zu beginnen. Aber jährlich nur 10 abſolviren hier ihr Schlußexamen; nur dieſe werden wirklich, was ſie Alle doch werden wollten, Doctoren der Medicin. Wo ſind die Andern 6 hingekommen? 3

Viele ſtraucheln ſchon bei den erſten Examina; andere beſtehen wenigſtens dieſe noch, wenn auch erſt nach wiederholtem Anſetzen und ſtets nur ſtückweiſe, womit, beiläufig bemerkt, der Zweck faſt ganz vereitelt wird. Denn es kommt nicht nur darauf an, daß überhaupt etwas gelernt wird, ſondern auch darauf, daß es zu rechter Zeit geſchieht, damit das Ganze regelrecht ſich füge.

Ja es macht mir faſt den Eindruck, als ſei es allmählich noch ſchlimmer geworden; denn während in dem mediciniſch⸗naturwiſſenſchaftlichen Vorexamen z. B. im Jahre 1855 27 ſich dieſer öffentlichen Prüfung unterzogen, wovon 10 nicht ſofort beſtanden, alſo ½; und im Jahre 1859 von 28 Examinirten 19 beſtanden; ſo ergibt eines der neueſten Examina Folgendes: 15 angemeldet, 3 zurückgetreten; 2 nicht beſtanden; die Uebrigen 10 beſtanden, aber darunter ſind 8, welche das Examen, und zwar fachweiſe, zum 2ten, ja einer ſogar zum 3ten mal verſucht haben. Daß dieß in den anderen Disciplinen ſich ähnlich verhält, habe ich allen Grund, zu vermuthen; gewiß iſt, daß es in den verſchiedenen Branchen der Naturwiſſenſchaft, überhaupt überall, wo nicht oder wenig dictirt wird, mit dem Fleiße nicht zum beſten beſchaffen iſt. Wenn man auch zugeben muß, daß das Collegium nicht der einzige Weg zur Wiſſenſchaft für Alle iſt, und das Leben iſt auch eine Schule ſo ſteht doch feſt, daß es der bequemſte, ſicherſte und für die Mehrzahl der bei weitem kürzeſte iſt. Was ſoll man aber dazu ſagen, wenn bereits zu Ende des 2ten Dritttheils eines Semeſters die Zuhörerzahl durchſchnittlich um 33 pC. abgenommen hat? Ja wenn in größeren Vorleſungen zu keiner Zeit ſämmtliche Inſcribirte gleichzeitig zugegen ſind?

Ich habe anfangs geglaubt, dieß ſei individuell; vieljährige Erfahrung hat mich eines Andern belehrt. Für Jemanden, der wie ich, niemals Mitglied einer ſtudentiſchen Verbindung war, der ich die Unfreiheit dieſer Corporationen ſtets als einen Feind meiner Selbſtſtändigkeit geflohen hatte, lag es nahe, die Urſache dieſes ungenügenden Fleißes in dem Corpsweſen zu ſuchen. Iſt doch in der That, offen ausgeſprochener Maßen, das heitere Studentenleben für gar Viele die Haupturſache des Univerſitätsbeſuches; iſt doch eigentlich wiſſenſchaftliches Intereſſe ebenſo ſelten als wenig rentabel; hat mich doch ſelbſt in heiterem Lebensübermuth ein junger

Mann vor nicht langer Zeit verſichert, daß die Menſur der eigentliche Kern des Univerſitäts⸗ lebens ſei.