Druckschrift 
Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
Entstehung
Seite
18
Einzelbild herunterladen

18

verwendet. Hier iſt Rhodus, hic salta! Nicht mit Tiraden oder Reſcripten gegen die Jeſuiten und ihre Helfershelfer bringt Ihr die Menſchheit vorwärts, das hat die Geſchichte zur Genüge bewieſen; ſondern dadurch, daß Ihr eintretet für die Märtyrer der Freiheit und der Wiſſen⸗ ſchaft, daß Ihr einſehet und verſtehen lernt, wie dieſe Arbeiter im unbeachteten, ſtillen Studir⸗ zimmer und Laboratorium eure rechte Hand ſind, wo es ſich um Aufklärung, Licht und Wahr⸗ heit handelt! Seid eingedenk, daß ein einziger Schlag mit dem geologiſchen Hammer in den morſchen Bau der Vergangenheit eine Breſche ſchlagen kann, welche keine Macht der Erde wieder herſtellt. Und ſo gewiß die Sträucher und Bäume aus der Braunkohlenzeit nicht wieder ausſchlagen und grünen werden, ſo gewiß wird das verdorrende Reis obſcurer Weltan⸗ ſchauung im friſchen Zuge der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung keine lebenskräftigen Sproſſen mehr treiben; denn das Klima hat ſich auch hierin geändert, und was da war, wiederholt ſich nie.

Leider iſt dieſer zweite Factor unſerer Staatsgewalt, wie ich glaube, in ſeiner jetzigen Form, zumal in kleinen Staaten, überhaupt nicht dazu berufen, Großes und Bedeutendes in unſerem deutſchen Vaterlande zu Stande zu bringen. Wenn man bei der Frage nach dem Neubau eines Gewächshauſes nicht danach fragt, ob daſſelbe zweckmäßig und nöthig ſei für den botaniſchen Un⸗ terricht, ſondern ob man dieſem oder jenem Miniſterium von doch ſtets nur kurzer Dauer und vor⸗ übergehenden Tendenzen überhaupt Geld verwilligen will, gleichſam als handelte es ſich darum, dieſem einen Gefallen zu thun, ſo verräth dieſe einen durchaus ephemeren Standpunkt, nicht aber feſte und klare Ziele, welche ernſt und ſicher an die Vergangenheit anknüpfen und die Zukunft vorbereiten. Man mag jenes Verfahren Parteiſtellung nennen und als nothwendig bezeichnen; aber mögen Diejenigen, welche Alles kritiſiren, auch mir meine eigene Anſicht gönnen: ich halte ein Syſtem für ein verfehltes, welches ſolche Verirrungen als innere Conſequenz in ſich ſchließt. Ich würde es für ein glückliches halten, wenn es ſich auf die beſcheidene aber ehrenvolle Aufgabe beſchränkte, überall und von Fall zu Fall das Volkswohl zu fördern, ſei es durch Erbauung von Straßen, die die Men⸗ ſchen verbinden und den Handel fördern, oder durch Schutz des Waldes, der uns eine Zukunft verbürgt, oder durch Geſundmachen der Städte nnd Dörfer, was ſpäter oder früher jedenfalls in Angriff genommen werden muß; oder durch Förderung der höchſten geiſtigen Güter der Menſchheit: der Kunſt und der Wiſſenſchaft. Aus der ſog.Finanzgebahrung von 1860 auf 62 ergibt ſich, daß die wirklichen Einnahmen durch die Forſt domänen um ½ Million Gulden mehr betrugen, als dem Voranſchlage nach erwartet worden war. Man ſchreibt dieß mit Recht der ſteigenden Induſtrie zu. Aber um die erforderliche Lieferung von Werkholz nach⸗ haltig gewähren zu können, dazu gehört ein tüchtiger, den Fortſchritten der Wiſſenſchaft ſtetig auf dem Fuße folgender Stand der Förſter; und man fragt noch, ob man ein paar hundert Gulden mehr für die Hebung unſeres Forſtinſtitutes, ſelbſt für die dringendſten Bedürfniſſe, hergeben ſoll?

In dem friedlichen aber gewaltigen Streite, ſagt der franzöſiſche Unterrichtsminiſter Duruy, der zwiſchen den gewerbetreibenden Völkern geführt wird, gehört der Preis nicht dem, welches über die meiſten Arme und Capitalien verfügt, ſondern der Nation, in deren Schooß die arbeitenden Claſſen Ordnung, Einſicht und Wiſſen in höherem Grade beſitzen. Die Wiſſen⸗