12 iſt; während deren Spitze, die Kliniken nämlich, nichts zu wünſchen übrig laſſen. Denn was ſollen alle Apparate, was alle Hör⸗ und Secirſäle, wenn es an der Hauptſache, den Leichen fehlt! Daß es aber in dieſer entſcheidenden Beziehung nicht beſſer, ſondern weit ſchlechter ge⸗ worden iſt, als es früher war, mögen Sie aus Folgendem erſehen. Die Zahl der Leichen, an welchen die anatomiſchen Studien und ferner die Uebungen in der chirurgiſchen Operirkunſt Statt finden, betrug im Jahre 1854—55 60, davon 11 aus Hofheim; im Jahre 1863—64 dagegen 19, davon keine aus Hofheim. Die Zahl der in Marienſchloß Verſtorbenen und hier⸗ her Abgelieferten betrug im Jahre 1860—61 27; im Jahre 1864— 65 nur 8; die Zuchthäusler und Selbſtmörder aus den anderen Provinzen kommen uns, in ſchneidendem Widerſpruche gegen die klarſten Beſtimmungen*), überhaupt gar nicht zu. Und dabei iſt dieſer geringe Beſitz der Gegenwart kein geſicherter, es vergeht kein Jahr, wo dieſes Wenige nicht gleichſam von Neuem erobert werden müßte. Theils iſt es wohl Mangel an Intereſſe für die Univerſität ſeitens der betreffenden Hoſpitalärzte, theils— mit Rückſicht auf die Selbſtmörder— eine beſondere Varietät der Humanität, die über das Ziel ſchießt und außerhalb unſeres Zeitbewußtſeins ſteht, was dieſe leidigen Zuſtände veranlaßt. Wie kann man ernſtlich unter dem Vorwande der Humanität zaudern, die Leiche eines Selbſtmörders(geiſtig Kranke ſind ſelbſtverſtändlich geſetzlich ausge⸗ nommen) für Unterrichtszwecke zu opfern, die ganz und gar nur dem Dienſte des Menſchen⸗ wohles, und wahrlich nicht dem perſönlichen Vortheile oder Vergnügen der ſcheinbar zunächſt Betheiligten gewidmet ſind; während wir fortwährend Acte der gröbſten Intoleranz und In⸗ humanität auf den Friedhöfen von Männern im geiſtlichen Ornate gegen Unbeſcholtene begehen ſehn; und während faſt kein Jahr vergeht, wo ſich nicht ſelbſt die civiliſirteſten Nationen in wilder Kriegsfurie zerfleiſchen und Tauſende von friſchen Menſchenleben zum Opfer bringen! Glaubt man denn wirklich ernſtlich daran, daß dieß jemals anders werden, daß dieſe ſ. g. Humanität jene unvermeidlichen Entwickelungskämpfe der Menſchheit jemals wegdecretiren könne; und iſt es nicht ein Analogon der Kirchthumspolitik, wenn man die Frage an ſich ſelbſt unterläßt: wie denn nun, wenn überall die Leichen dem anatomiſchen Unterrichte vorenthalten würden? Denn für jeden Sachverſtändigen, der über die Mauern ſeiner kleinen Vaterſtadt hin⸗ ausgeſehen hat, iſt es einleuchtend, daß bei einer wirklich conſequenten Durchfuͤhrung dieſer Humanität, welche aber in meinen Augen nichts als Sentimentalität iſt, alle und jede Leichen⸗ zufuhr allerwärts ein Ende nehmen müßte, ja daß ſelbſt die Obduction der Leichen in den Spitälern aufhören würde, und damit jeder Fortſchritt der inneren Heilkunde ſiſtirt wäre.
Beſſer ſteht es mit dem Material für die zoologiſche Anſtalt. Sie Alle kennen die⸗ ſelbe. Aber beläſtigend iſt es gegenüber der jetzigen experimentalen Richtung dieſer Wiſſenſchaft, daß die Räumlichkeiten für die lebenden Verſuchsthiere in einem deplorablen Zuſtande ſich befinden.
Dagegen ſieht es wahrhaft traurig aus mit der zootomiſch-veterinären Anſtalt. Durch eine beſondere Nachverwilligung der Stände(1847) im Betrage von 20000 fl. iſt
*) Statuten Titel XLV; und Edikt vom 10. Sept. 1781.


