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Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
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Zuerſt ſeine Lehrthätigkeit. Als wir vor nun drei Decennien Liebig's Vorträge über die Chemie des menſchlichen und thieriſchen Körpers hörten, waren wir Alle wie bezaubert. Das war kein Dociren mehr, das war ein gewaltig fortreißender Strom der wunderbarſten Gedanken⸗ fülle, reich an den überraſchendſten neuen Geſichtspuncten, deren Bedeutung wir wohl bereits durchfühlen konnten; getragen von einer mächtigen Phantaſie, welcher kein Schluß zu verwegen, kein Satz zu kühn war. Ein großer Theil dieſer Rhapſodien hat allerdings nicht die Probe der Zeit beſtanden, ſeine Verſuche, die Humoralpathologie in einer neuen Form in die Mediein wieder einzuführen, ſind nach einem kurzen Siegeslaufe faſt ſpurlos verſchwunden, und die Solidar⸗ pathologie macht ſich unter dem neuen Namen der Zellularpathologie breiter wie je, um vielleicht demnächſt wieder einer Nervenpathologie den Platz zu räumen. Aber die Anregung die in dieſem Kreiſe lebendig und weit hinausgetragen wurde, hat ſich in einer außerordentlich großen Reihe der tüchtigſten Arbeiten und Abhandlungen und der poſitivſten Entdeckungen der Liebig'ſchen Schule, deren Quelle ſtets an derſelben Stelle zu ſuchen iſt, höchſt fruchtbar erwieſen; und gerade darin liegt die wunderbare Kraft wahrhaft bedeutender Ideen, daß ſie weiterzeugend wachſen und unendlich neue gebären. Dem entſprechend war die ganze Perſönlichkeit dieſes Mannes. Erfüllt von der Größe ſeiner Miſſion, war es ihm unmöglich, ſich mit kleinlichen Hinderniſſen, die ihm in den Weg gelegt wurden, zu befaſſen, oder, über Einwürfe untergeord⸗ neter Natur, die den kühnen Flug ſeiner Phantaſie zu lähmen drohten, zu ſtraucheln. Sein Grundſatz war: wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich. Und ſo konnte es bei ſeiner höchſt aggreſſiven Natur nicht ausbleiben, daß er hier viele herzliche Feinde, aber auch warme Freunde namentlich unter den Jüngeren hatte, die zwar nicht durch ihre Stellung an der Univer⸗ ſität und im Senate, wohl aber durch ihre wiſſenſchaftliche Kraft und Bedeutung von großem Einfluſſe auf ſeine hieſige Thätigkeit wurden. Mittelmäßige Leute, oder ſolche, die er dafür hielt und dieß galt von Allen, die anderer Anſicht waren, als er wußte er brach zu legen, todt zu machen, oder über Seite zu ſchieben. Und es iſt ein Zeichen großer Zähigkeit und keiner geringen geiſtigen Kraft, wenn Einer oder der Andere nach ſolchen Kämpfen ſich und ſeine wiſſenſchaftliche Selbſtſtändigkeit in eine ſpätere Zeit hinübergerettet hat.

Die Kenntniß von Liebig's Perſönlichkeit erleichtert weſentlich das Verſtändniß ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit. Er gehört nicht zu den ſtrengen Geiſtern, die ihre Kritik zunächſt und zumeiſt gegen ſich ſelbſt üben; bei ihm iſt die ſchaffende Thätigkeit überwiegend. Nicht was er ſchreibt, ſondern was er will, iſt das Bedeutſame in ſeinen Büchern. Denn er ſchreibt in raſch fließendem und oft regelloſem Stromenicht nur Alles was er weiß, ſondern noch weit mehr. Daher denn das Verſtändniß dieſer Schriften, auch außerhalb der Kreiſe von Bräſig und Habermann, ohne Zweifel ein ſehr unvollkommenes iſt. Man hat gut ſagen, dieſe Schriften ſeien ohne logiſchen Zuſammenhang, der Anfang mit dem Ende in Widerſpruch, die letzte Ausgabe lehre gerade das Gegentheil von der vorletzten und ſo weiter durch die ganze lange Reihe; man kann die Fehlproducte dieſer Arbeiten im Einzelnen aufführen von den erſten Mißgriffen in der Mineraldüngung und der Erklärung der Wirkung des China⸗Alkaloides oder des Kaffee's bis zu den letzten bezüglich der Kartoffelkrankheit, der Gährung und des Cholera⸗