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Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
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ihrer Maturitas und ihrem Triennium academicum, fraglich namentlich gegenüber den heutigen Anforderungen und der ganzen Stellung der reinen Naturwiſſenſchaften als gleichberechtigt mit den humaniſtiſchen Bildungsmitteln, ſei es an geiſtigem Inhalt und Tiefe, ſei es an logiſcher Methode und Uebung; denn der naturwiſſenſchaftliche Verſuch iſt das wahre Experimentum logicum. Wenn man erwägt, daß im Jahre 1858 allein 128 Promotionen hier Statt fanden, daß dieſe im Jahre 1862 auf 19 ſanken*), ſo wird man einſehen, daß dieß eine tiefeingreifende Wunde geworden iſt; daß ſie den Betreffenden ein großes finanzielles Opfer auferlegt hat, wozu die⸗ ſelben auf keine Weiſe verpflichtet waren, und wofür das Mindeſte, was dieſelben verlangen können, die unbedingte Anerkennung einer durchaus ehrenhaften Geſinnung iſt. Und erwägt man endlich noch, daß die Zahl der dem Studium ſich Zuwendenden überhaupt und gewiß mit Recht überall in fortwährender Abnahme iſt, indem lucrativere Bahnen, gleich ehrenvoll, ſich nach allen Seiten eröffnet haben; daß endlich unſere Univerſität allein von allen deutſchen volle Freizügigkeit eingeführt hat**) und den Aufenthalt anderswo geſetzlich gerade ſo betrachtet, als an der eigenen Landesuniverſität, was auch bekanntlich von den Studirenden in ausgedehnteſter Weiſe benutzt wird, ſo muß man ſich meines Erachtens eher darüber wundern, daß wir im gegenwärtigen Semeſter wieder auf 400 Studenten gekommen ſind, als wenn deren nur 300 wären. 1.

Ueberdieß iſt es ein großer Irrthum, den Zuſtand einer Univerſität allein oder ſelbſt vor⸗ wiegend nach der Studentenzahl zu beurtheilen; die Zahl und Thätigkeit der Docenten***) ſcheint mir unbedingt von gleicher Bedeutung, und ſie ſpricht bei uns in erfreulichſter Weiſe für einen friſchen und blühenden Zuſtand des geiſtigen Lebens. Daß ſo viele Männer im Dienſte der ewigen Wahrheit der Wiſſenſchaft hier theils ihre Laufbahn beginnen können, theils

*) Die Promotionsgebühren betrugen 1860 2,336 fl.; 1862 nur 569 fl. Vgl. d. Ber. des Finanzaus⸗ ſchuſſes der 2ten Kammer der Stände 1866. Beil. 117. p. 111.

**) Verordnung vom 26. October 1848; vgl. Regierungsblatt 1848 Nr. 62. Es wird bei uns gegen⸗ wärtig für die an der Univerſität abzulegenden Examina überhaupt nur verlangt, daß ein junger Mann durch 3 Jahre deutſche Univerſitäten beſucht habe(Beſtimmung von 1861).

*) Der neueſte Perſonalbeſtand führt deren 56 auf. Zur Vergleichung ſei hier der Perſonalbeſtand der hoch⸗ berühmten ſchwediſchen Univerſität Upſala von 1866 aufgeführt. 31 ordentliche Profeſſoren, 3 außerordentliche Profeſſoren, 23 Adjuneten, 27 angeſtellte Privatdocenten, Summe 84. Studentenzahl 1200. Wer die Sache nicht in der Nähe beobachtet hat, wird leicht auf die Frage verfallen: wenn man mit 56 Lehrern 400 Schüler ausbilden kann, warum nicht auch 1200? Die Praxis hat aber in entgegengeſetztem Sinne entſchieden. Wenn wir in dieſen Fällen das Princip einer vernünftigen Arbeitstheilung auf eine erfreuliche Weiſe realiſirt ſehen, ſo wollen wir dabei doch zugleich nicht vergeſſen, daß es Leute gibt, welche dieſes Zerſplitterung nennen.

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