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Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
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ſeines weit berühmten Vorgängers Hundeshagen*), und verſammelte um ſich eine ganze Schaar von jungen Forſtleuten aus ganz Deutſchland und der Schweiz. Und dabei fand er noch Zeit, mit unermüdlichem Eifer die Umgegend weit und breit nach Pflanzen zu durchforſchen und hiermit die Floriſtik wieder zu Ehren zu bringen, welche ſeit des unſterblichen Dillenius des deutſchen Linné Buche(1719) ganz und gar vergeſſen war. Wenn Sie ſich alle dieſe Verhältniſſe lebhaft vergegenwärtigen, ſo werden Sie es begreiflich finden, daß zur Zeit der Culmination im Sommer 1847 570 Studenten in Gießen waren, die höchſte bekannte Zahl; und darunter 78 evangeliſche und 74 katholiſche Theologen, 127 Juriſten, 60 Mediciner, 49 Cameraliſten, 21 Architecten, 53 Förſter(worunter 22 Ausländer) und 57 Chemiker**)(worunter 42 Ausländer); im Ganzen 159 Ausländer. Dieſe ſchönen Zeiten ſind nun freilich vorüber und man darf ſich darüber keine Illuſionen machen ſie werden auch nicht wieder kommen. Denn dergleichen Situationen und zugleich ſolche Männer wie⸗ derholen ſich nicht. Aber es wird zu unſerer eigenen Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen, nach meiner Anſicht höchſt ehrenvollen Zuſtande, und zu einer richtigen Würdigung desſelben ſeitens der ferner Stehenden nützlich ſein, wenn wir erwägen, warum dieß nicht mehr wiederkehren kann, wenigſtens nicht, ſo lange die allgemeinen Verhältniſſe bleiben, wie ſie ſind.

Zunächſt iſt zu erinnern, daß in Folge eines Federſtriches die ganze katholiſch⸗theologiſche Fakultät**) im Jahre 1851 plötzlich zu exiſtiren aufgehört hat, da man den freien, jugendlichen Verkehr mit Andersglaubenden und anders Gebildeten fürchten zu müſſen meinte; daß das hieſige chemiſche Laboratorium, welches das Muſter für alle übrigen geweſen, in einem wahren Wettlaufe und mit enormem Geldaufwande an zahlreichen andern Orten, wie Leipzig, Göttingen, Heidelberg, München u. ſ. w., bald eingeholt, ja übertroffen wurde; daß Liebig, durch ſeine eigenen Schüler zumeiſt, bald aufhörte, der Einzige zu ſein, bei welchem man organiſche Chemie lernen konnte. Daß das Bedürfniß der Fabrikanten nach jungen Chemikern ſich bis zur Ueber füllung geſtillt hat. Daß der Reiz des Doctorhutes, welcher ſo manchen jungen Mann hierher führte und hier feſthielt, nicht mehr wirken kann, ſeitdem wir uns veranlaßt ſahen, im Jahre 1862 eine neue, äußerſt ſtrenge Promotionsordnung einzuführen); ein Schritt, auf welchen mehrere ſehr hochachtbare Schweſteranſtalten, wie Marburg, Göttingen oder Heidelberg immer noch warten laſſen, und vielleicht mit Recht, wenn man bedenkt, daß es in der That fraglich iſt, ob unſere Regulative nicht allzu ſtreng ſeien mit ihrem öffentlichen und mündlichen Examen,

*) Unter deſſen Leitung die hieſige Forſtlehranſtalt im Jahre 1825 eröffnet wurde.

**) Die höchſte Zahl der Chemiker und Pharmaceuten war 68(1843).

*ens) Gegründet am 26. Sept. 1829. In der Stiftungsurkunde(vom 22. Juni 1830) ſpricht der Großherzog Ludwig II. ſeine Intentionen dahin aus, daß dadurchwahre Frömmigkeit, ächt chriſtlicher Sinn, gründliche Wiſſenſchaft und gute Sitte der zum katholiſch geiſtlichen Stande ſich ausbildenden Jugend angeregt, befördert und allgemein verbreitet werde.

) Im Winter 1857 auf 58 erreichte z. B. die Zahl der Chemiker und Pharmaceuten 61, darunter 22 Aus⸗ länder; im Sommer 1863 ſank ſie auf 29. Hierbei ſind ſelbſtverſtändlich die übrigen naturwiſſenſchaftlichen Fächer gleichmäßig betheiligt.