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Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
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kennen und zu bekämpfen. Das andere Fundamentalinſtrument der heutigen Naturwiſſen⸗ ſchaft: die chemiſche Waage, begann eben zum erſten Male zu ſchwingen*). Die ganze Methode des Experimentirens war unbekannt. Die Lehrer ſelbſt unzureichend, da man noch nicht den Werth der Specialiſirung erkannt hatte und noch den Polyhiſtor für den wahren Gelehrten hielt. Die Cumulation der Fächer in jener Zeit erſcheint uns heute unbe⸗ greiflich. Ein und derſelbe Mann las zugleich über Anatomie, Phyſiologie des Menſchen, der Thiere und der Pflanzen; vergleichende Anatomie; Zoologie, Botanik; und fand dabei noch Muße, dicke naturphiloſophiſche und ſyſtematiſche Bücher zu ſchreiben, ja er war im Sinne jener Zeit ein ſehr berühmter Mann. Wernekinck(geſtorben 1835) war Ordinarius in der philoſophiſchen Fakultät, Extraordinarius in der mediciniſchen und trug zugleich Anatomie, Kry⸗ ſtallkunde und Mineralogie vor. Klauprecht**) docirte gleichzeitig über Mathematik und Forſt⸗ wiſſenſchaft. Privatdocenten exiſtirten eigentlich gar nicht! Und wie hat ſich das Alles geändert! Nicht nur in der Naturwiſſenſchaft, auch in den übrigen Fächern begann ein reges Leben. Ich nenne nur Credner**r) und Knobel*) in der evangeliſchen Theologie, ebenſo treffliche Männer in der katholiſchen; Hillebrand mit ſeinen anregenden philoſophiſchen Vorleſungen und ſeinen anziehenden Vorträgen über deutſche Nationalliteratur; daneben wuchſen plötzlich maſſenweiſe Privatdocenten hervor, da war Carriere, Baur, J. Hillebrand und Andere, an die ich Sie nur zu erinnern brauche. Und nun die Schaar der jungen Männer, die ſich an und um Liebig gruppirten, theils als beginnende Lehrer, wie Kopp, Knapp, Zamminer(ſtarb 1858) Ettling(ſtarb 1856), Dieffenbach(ſtarb 1855) und Einige, die wir noch heute mit Freuden die unſerigen nennen; oder die ſich hier vorbereiteten, um das neue Licht der organi⸗ ſchen Chemie, welches hier aufgegangen war, in alle Weltgegenden verbreiten zu helfen. Zu dem Kreiſe meiner Bekannten gehörten z. B. ein Hindu, zwei Mexikaner, mehrere Ruſſen, Fran⸗ zoſen, Engländer, Italiener, von denen heute noch gar mancher in der Wiſſenſchaft und als Lehrer eine bedeutende Stellung einnimmt. Welch fröhliches Leben in dieſen jugendmuthigen, geiſterfüllten Kreiſen! Welch überſchwängliches Hoffen von dem Evangelium der modernen Chemie, welche mit ihrem wunderbaren Kaliapparate die Welt zu ſtürmen beſtimmt ſchien!.

Ganz dem entſprechend entſtand neues Leben in den angrenzenden Fächern. In der Ana tomie und Phyſiologie wurde durch Biſchof, unterſtützt von Bardeleben, die Hiſtologie und der ganze naturwiſſenſchaftliche Apparat ſammt Mikroſkop, Reagenzglas und Inductionsſtrom eingeführt, und bald erhob ſich das ſtolze und ſchöne Gebäude, welches heute noch denſelben Doctrinen gewidmet iſt. C. Heyer(geſtorben 1856) trat in würdiger Weiſe in die Fußtapfen

*)) Seitdem hat ſich hier am Orte für dieſe ſpecielle Branche eine beſondere Induſtrie ausgebildet. Von 4 hieſigen Meiſtern haben 2 allein 300 und 225 Waggen verfertigt, der erſte zu durchſchnittlich 120130 fl., der letztere zu 200 fl.

**) In Gießen von 1832 1834.

en) ſtaub 1857.

) ſtarb 1863.