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(ſeit 1823) bekannt geworden iſt*). Worin die Urſache dieſer Abnahme in der Frequenz lag, iſt mir nicht genügend klar; doch iſt es wahrſcheinlich, daß das Bedürfniß an Beamten gedeckt war. Wenn man erwägt, daß im Jahre 1829 247 Juriſten und 114 Theologen hier ſtudirten (jetzt 65 und 56), ſo wird man dieſe auffallend große Zahl wohl auf die durch die Kriegszeiten entſtandenen Lücken zurückführen können, wodurch ungewöhnlich zahlreicher Zudrang veranlaßt wurde. So würde ſich denen jener niederſte Stand als Folge der Ueberfüllung von ſelbſt ver⸗ ſtehen. Auf der andern Seite mag auch der unerträgliche Zwang, welcher in Folge der Carls⸗ bader Beſchlüſſe zu meiner Zeit in voller Blüthe war und wie ein Alp auf dem Univerſitäts⸗ leben laſtete, viele Jünglinge von der akademiſchen Laufbahn fern gehalten haben, zumal die nicht geringe Zahl derjenigen, welchen ein heiteres Studentenleben ſelbſt Zweck und Ziel des Univerſitätsbeſuches iſt.
Wie dem ſei, gewiß iſt, daß zu dieſer Zeit ein friſches Geiſtesleben bei uns erwachte, und es knüpft ſich dieſes, für die Naturwiſſenſchaften wenigſtens, vorzugsweiſe an den Namen unſeres großen Landsmannes Liebig. Ihm haben wir es zu danken, daß im Verlauf von wenigen Decennien der Name Gießen in der ganzen weiten Welt, ſoweit noch Cultur reicht, genannt und bekannt wurde, wie London, Paris oder Rom.
Um zu verſtehen, was Liebig hier geleiſtet hat, muß man einen Blick in die hieſigen Verhältniſſe während und kurz vor dieſer Zeit werfen. Die Inſtitute waren im höchſten Grade der Dürftigkeit; eine zoologiſche Sammlung— jetzt eine der Hauptzierden unſerer Univerſität— exiſtirte nur dem Namen nach; der Anatomieſaal war zwar nicht mehr, wie kurz vorher, zugleich Fecht⸗ und Tanzſaal**), aber im Uebrigen ſo unzulänglich, als möglich. Das alte chemiſche Laboratorium und Auditorium unter Zimmermann beſtand aus einem kleinen Gartenhäuschen mit einem einzigen Raume, welches vorn im heutigen botaniſchen Garten ſtand. Nach demſelben Styl waren alle übrigen Räumlichkeiten beſchaffen. Faſt ſämmtliche Vorleſungen wurden vor der Eröffnung der neuen Aula(im Jahre 1841) in Privatgebäuden, in düſteren Zimmern der Hinterhäuſer, viele in wahren Spelunken gehalten; die Mathematik z. B., ein damaliges Zwangs⸗ colleg, das Jeder beſuchen mußte, in einem zweifenſterigen dumpfigen Eckzimmer des alten Oeco⸗ nomatsgebäudes, wo Sie es heute noch einſehen können. Als im Jahre 1824 Liebig als außerordentlicher Profeſſor hier angeſtellt wurde, eröffnete er ſein Laboratorium mit zwei Labo⸗ ranten. Der botaniſche Garten hatte eine Maſſe von Pflanzen, aber ganz ohne Plan und Auswahl, auch waren nicht einmal die Namen angeſchrieben. Dem entſprechend waren auch die Lehrmethoden, für uns heute kaum mehr verſtändlich. Das Mikroſkop war ein verachtetes, oder mit Mißtrauen betrachtetes, niemals benutztes Inſtrument; und doch bietet, um nur von„Einem zu reden, dies Inſtrument allein uns die Mittel,„jenes bleiche, widrige Wurmgeſchlecht: die Eingeweidewürmer in unſerem eigenen Leibe, die von unſerem eigenen Blute ſich mäſten, zu er⸗
*) Um 1789 waren angeblich nur 120 Studirende in Gießen.— Die gedruckten Verzeichniſſe beginnen mit 1822. **) Unter Hert war der botaniſche Gärtner zugleich der Aſſiſtent in der Anatomie.


