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Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule zu Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1866 gehalten / von dem Rector der Landes-Universität Dr. Hermann Hoffmann, ordentlichem Professor der Botanik
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genheit ſehe ich vor mir in friſchem Leben die Akademiker der Gegenwart und die Freunde unſerer Anſtalt in würdigem Kranze, die Einen die Träger der wiſſenſchaftlichen Thätigkeit, Lehrer und Lernende; die Anderen meiſt ehemalige dankbare Schüler der Ludoviciana. Und ſo wird mir damit der Schritt in meiner Betrachtung von der Vergangenheit in die lebendige Gegenwart mitten hinein erleichtert und angebahnt. Denn auch dieſer will ich mich zuwenden, da dieß des Nütz⸗ lichen und auch wohl Erfreulichen gar Mancherlei bietet; ſehen wir doch daran, wie ſelbſt das Schwierige, wenn es mit unermüdlicher Ausdauer angeſtrebt wird, zuletzt erreicht werden kann; und finden wir doch in einer ſolchen Betrachtung die Garantien, daß es für unſere Univerſität auch noch eine ſchöne und hoffnungsreiche Zukunft gibt. Daß ich mich dabei als Naturforſcher vorzugsweiſe mit dieſer Seite befaſſe, werden Sie als ſelbſtverſtändlich gewiß nur billigen.

Ich habe im Laufe meines Lebens gar mancher Herren Länder geſehen und das Treiben ſehr verſchiedener Völker Europas in der Nähe zu beobachten Gelegenheit gehabt. Es mag ein erhebendes Gefühl ſein, einem großen, mächtigen, in ſich einigen Staate anzugehören, wie Eng⸗ land oder Frankreich. Uns iſt dieß verſagt, und damit mancher Vortheil, z. B. der Schutz, den die Angehörigen jener Länder im Auslande genießen, und den wir leider oft vermiſſen, wovon ich aus eigenen Erfahrungen auf weiteren Reiſen in voreiſenbahnlichen Zeiten zu erzählen wüßte. Aber Eines haben wir vor Jenen voraus, es iſt die Möglichkeit einer vollſtändig freien Entwickelung der Individualität, was dort unmöglich iſt, weil alle größeren Reiche, in Folge eines gewiſſen angenommenen oder erworbenen Nationalcharakters, eine Einſeitigkeit der Einzelnen veranlaſſen, welche oft bis an das Lächerliche ſtreifen kann und der individuellen Be⸗ wegung in vielen Richtungen eine Schranke entgegenſetzt, die uns unbekannt iſt, ſei es in Dingen des öffentlichen Cultus und der äußeren Moral und Sitte, wie in England; oder bezüglich einer übertriebenen Nationaleitelkeit, wie in Frankreich; oder bezüglich der läſtigen Präponderanz einzelner Stände, wie in unſerer nächſten Nähe. Wir erfreuen uns in unſerem engeren Vater⸗ lande eines gewiſſen harmoniſchen Maßes der Intelligenz, der humanen Toleranz und der per⸗ ſönlichen Billigkeit. Chriſten und Juden, Proteſtanten und Katholiken, Männer der Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt, Beamte, Induſtrielle, Bürger⸗ und Bauernſtand verkehren mit einander in einer im Großen und Ganzen würdigen und natürlichen, auf gegenſeitige Achtung gegründeten Weiſe; keiner macht mit Erfolg den Verſuch, tonangebend und prädominirend zu ſein; und dieß i*ſt ein ſchöner und edler Charakterzug und beweiſt einen inneren Bildungsgrad, den der Fremde nach den ſchlichten und anſpruchsloſen äußeren Formen kaum erwarten möchte. D'rum, wenn auch am heſſiſchen Himmel, wie an jedem anderen, mitunter Wolken aufſteigen und ſchwere Gewitter ſich entladen, ſo iſt doch noch kein bleibender Mehlthau in die Geiſtesblüthe unſeres Volkes gefallen, und es ſtellt ſich, um meteorologiſch weiter zu reden, als Reſultat vieljähriger Beobachtung eine milde und gedeihliche Mitteltemperatur und ein hoher geiſtiger Barometerſtand in unſerem Lande heraus. Darum hoch unſer altes, wackeres Heſſenland!

Als ich im Jahre 1837 die hieſige Univerſität bezog, begann dieſelbe eben ſich langſam aus tiefer Kümmerniß emporzuarbeiten. Die Zahl der Studenten, welche im Jahre 1829 nicht weniger als 558 betrug, war auf 290 geſunken; der tiefſte Stand, welcher mir überhaupt