Druckschrift 
Hessen und die Erwerbung Gießens vor 650 Jahren (1265) : Vortrag gehalten in der Fest-Sitzung der Stadtverordneten der Stadt Gießen am 29. September 1915 / von Karl Ebel
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen

Von den drei Bewerbern blieb Landgraf Heinrich Sie⸗ ger, er war den beiden anderen zuvorgekommen oder hatte die beſſeren Bedingungen angeboten. In welcher Weiſe ſich die Erwerbung vollzogen hat, entzieht ſich unſerer Kenntnis. Nach Lage der Verhältniſſe iſt nur Kauf an⸗ zunehmen. Der Zeitpunkt der Uebergabe iſt ebenfalls un⸗ bekannt, er iſt aber aus zwei beurkundeten Vorgängen ziem⸗ lich genau auf September des Jahres 1265 zu beſtimmen. Am 15. Auguſt 1264 verleiht Pfalzgraf Ulrich von Tü⸗ bingen ſeinem Burgmann Hartrad von Werenberg ein Burgelehen zu Gießen, und am 39. September 1265 erhält derſelbe Hartrad das gleiche Burglehen von Landgraf Hein⸗ rich. Da die Stadt Gießen noch am folgenden Tage, am 30. September, mit ihrem alten tübingiſchen Stempel eine Urkunde beſiegelt, ſo iſt ſicher, daß die Uebergabe der Herr⸗ ſchaft an Heſſen kurz vor dem 29. September 1265 ge⸗ ſchehen iſt. Jedenfalls erſcheint an dieſem Tage zum erſten Mal der Landgraf von Heſſen als Herr unſerer Stadt und Grafſchaft, und wir dürfen ihn als den bedeutungsvollſten unſerer Geſchichte ſo lange feiern, bis etwa ein glücklicher Fufall die verlorene Urkunde über den tübingiſch⸗heſſiſchen VYertrag ans Licht bringen ſollte.

Außer in Gießen war Heinrich in den ſeither zwiſchen Tübingen und Merenberg gemeinſamen Beſitzungen, von denen ich ſchon geſprochen habe, der Nachfolger Pfalzgraf Ulrichs geworden. u dem anderen Mitbeſitzer, dem genann⸗ ten Hartrad, trat er ſofort in ein freundſchaftliches Verhält⸗ nis, indem er ihn durch kluges Entgegenkommen bewog, das Gießener Burglehen beizubehalten, in ſeine Gefolgſchaft ein⸗ zutreten und ihm die Burgen Gleiberg und Merenberg zu

14