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Hessen und die Erwerbung Gießens vor 650 Jahren (1265) : Vortrag gehalten in der Fest-Sitzung der Stadtverordneten der Stadt Gießen am 29. September 1915 / von Karl Ebel
Entstehung
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Mainz, um die Verfolgung ſeiner alten Fiele wieder aufzu⸗ nehmen. Hier war im Jahre 1259 Werner von Eppen⸗ ſtein auf den erzbiſchöflichen Stuhl gelangt, ein energiſcher Herr, der im Gegenſatz zu ſeinem Vorgänger Gerhard nicht gewillt war, um des Friedens willen Sophien gegen⸗ über Nachſicht zu üben. Als die Herzogin ſeinem Verlangen auf Herausgabe der Kirchenlehen keine Folge gab, ging er mit dem Bann gegen ſie und den jungen Landgrafen vor. Heſſen belegte er mit dem Interdikt. Für Sophie und ihren Sohn war die Lage bedenklich verändert. Fwar hatten ſie den mächtigen Herzog von Braunſchweig auf ihrer Seite, aber Mainz und Meißen ſtanden vereint gegen ſie, ihr Land war von allen Seiten dem feindlichen Angriff preisgegeben.

Wiederum wiſſen wir über die Vorgänge, die ſich nun abſpielten, nichts Genaues, aber Sophie, die immer noch die Fügel der Regierung führte, trotz der Großzjährigkeit des jungen Heinrich, gewann diplomatiſche Vorteile über ihren mainziſchen Gegner. Es gelang ihr, eine ſolche Fahl lahn⸗ gauiſcher und heſſiſcher Edler zu ſich herüber zu ziehen, daß der Erzbiſchof angeſichts der ſtarken Macht, die ſie ihm gegenüberſtellte, ſich zu einem Vergleich entſchloß. Der Ver⸗ trag kam im Feldlager vor Langsdorf bei Lich zuſtande, im September 1265.

Ueber die Frage, wer den größten Erfolg hierbei davon⸗ getragen hat, ſind neuerdings die Meinungen geteilt. Ich glaube aber, daß unter allen Umſtänden Heſſen im Vorteil geweſen iſt. Denn wenn auch Heſſen die mainziſche Lehens⸗ hoheit anerkannte und zwei ſeiner ſeither freien allodialen Städte, Frankenberg und Grünberg, dem Erzſtuhl zu Lehen auftragen mußte, ſo hat Mainz doch ſeinen Willen nicht

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