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Hessen und die Erwerbung Gießens vor 650 Jahren (1265) : Vortrag gehalten in der Fest-Sitzung der Stadtverordneten der Stadt Gießen am 29. September 1915 / von Karl Ebel
Entstehung
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Das Erzbistum hatte großen Beſitz an Land und Ge⸗ rechtſamen in Thüringen und Heſſen liegen. Sofort nach Heinrichs Raſpe Tode traf Erzbiſchof Siegfried ſeine Vor⸗ bereitungen und leiſtete nun Heinrich dem Erlauchten bei der Uebernahme der Erbſchaft ebenſo heftigen Widerſtand wie der Herzogin. In dem Beſtreben, ſein in Heſſen zerſprengt liegendes Land abzurunden und zu einem Territorium zu vereinigen, ergriff er die Gelegenheit, die ſich ihm mit dem Ausſterben der Ludowinger bot, die heſſiſchen Kirchenlehen, die vielleicht den größten Teil der heſſiſchen Erbſchaft aus⸗ machten, einzuziehen.

Heinrich nahm ſich der Intereſſen ſeines Mündels ehr⸗ lich an und wahrte ſie zugleich mit ſeinen eigenen, be⸗ günſtigt durch Schwierigkeiten, in denen ſich Erzbiſchof Gerhard augenblicklich befand. Im Udeſtedter Vergleich vom 16. Mai 1254 ſetzte er für Heſſen durch, daß jeder Streit um die mainzer Lehen bis zur Volljährigkeit des jungen Land⸗ grafen ruhen ſollte. Damit war Zeit gewonnen zur Be⸗ feſtigung der brabantiſchen Herrſchaft in Heſſen, die wegen Sophiens Eigenſchaft als Tochter der heiligen Eliſabeth im Lande ohnehin volkstümlich war. Das gute Einvernehmen zwiſchen den beiden Erbparteien dauerte noch über das Ende der Vormundſchaft hinaus an. Es änderte ſich erſt durch das Eingreifen des Herzogs Albrecht von Braun⸗ ſchweig, der mittlerweile der Schwiegerſohn Sophiens ge⸗ worden war. Zweifellos hat dieſe unter ſeinem Einfluß ihre Anſprüche auf Thüringen geſteigert, die ſie in Gegen⸗ ſatz zu dem Markgrafen brachten. Von deſſen Seite wurden ihr nunmehr auch Eiſenach und die Wartburg ſtreitig ge⸗ macht. Dieſen Umſchwung in den Verhältniſſen benutzte

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