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Hessen und die Erwerbung Gießens vor 650 Jahren (1265) : Vortrag gehalten in der Fest-Sitzung der Stadtverordneten der Stadt Gießen am 29. September 1915 / von Karl Ebel
Entstehung
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Im Anfang des 12. Jahrhunderts finden wir große Teile des Oberlahngaues, der ſich am Oberlauf der Lahn bis in unſere Gegend erſtreckte, und des fränkiſchen Heſſengaues, des Gebietes an Eder, Schwalm und Fulda, im Beſitz zweier mächtigen Grafenhäuſer, des Werneriſchen und des der Gi⸗ ſonen. Graf Giſo IV., deſſen Güter hauptſächlich im Ober⸗ lahngau lagen, erbte 1121 die im Heſſengau gelegenen Be⸗ ſitzungen des letzten Grafen Werner, ſtarb aber im folgen⸗ den Jahre ſelbſt als der letzte ſeines Hauſes. Seine geſamte Hinterlaſſenſchaft ging auf den Gemahl ſeiner einzigen Toch⸗ ter, Ludwig III. von Thüringen, den ſpäteren erſten Land⸗ grafen, über. Seitdem bildete dieſe Erbſchaft bis zum Jahre 1247 einen mehr oder minder ſelbſtändigen Teil der Land⸗ grafſchaft Thüringen, ſie war ihr mehr in Perſonalunion verbunden, als tatſächlich einverleibt. Dieſes Verhältnis ſprach ſich ſchon in dem Umſtande aus, daß das ganze Ge⸗ biet, das Land der alten Chatten, das Land zu Heſſen, unter der Oberhoheit der Landgrafen meiſt den zweitgeborenen Söhnen der Ludowinger als Herrſchaft überwieſen wurde, aber jedesmal nach dem Tode eines ſolchen Statthalters an die Hauptlinie zurückfiel. Dieſe zweitgeborenen Prinzen trugen alle den Namen Heinrich und den Beinamen Raſpe, und wurden, wenn ſie in die heſſiſche Herrſchaft eingeſetzt waren, comites Hassiae, Grafen von Heſſen, genannt.

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts neigte ſich das Haus der Ludowinger ſeinem Ende entgegen. Im Jahre 1²227 war Landgraf Ludwig, der Gemahl der heiligen Eliſa⸗ beth, im Begriffe, mit Kaiſer Friedrich II. nach dem heiligen Lande aufzubrechen, in Otranto in Apulien an einer verhee⸗ renden Seuche geſtorben. Er hinterließ einen einzigen Sohn,

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