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Davon aber war das Regiment Neros weit entfernt. Wollte Seneca vielleicht nicht absichtlich durch Zeichnung eines düsteren
Xlexanderbildes Nero ¹) ein Spiegelbild seiner eigenen Schreckens-
herrschaft vorhalten? Es ließe sich denken, daß er anfänglich in der Form der adhortatio Nero auf seine Fehler aufmerksam machteè, schließlich aber, als sein Verhältnis zu Nero immer ge- spannter wurde, dazu überging, auf diese feige Art dem Herr- scher aus sicherem Versteck heraus einen Stich zu versetzen.
In diesem seinem Bestreben hat Seneca noch einen Bundes- genossen an seinem Neffen Lucanus gefunden, der im Gegen- satz zu seinem Oheim ein eifriger Verfechter der Republik war. Dieser überhäufte in den drei ersten Büchern seines Epos Nero mit den größten Schmeicheleien. Nach Vollendung der drei ersten Bücher fiel er bei Nero in Ungnade. Von da ab ändert sich der Ton in seiner Dichtung. Eine entschieden gereizte Stimmung tritt zutage, die namentlich auch darin zum Ausdruck kommt, daß Pompeius zum Helden des Epos gestempelt und in jeglicher Weise begünstigt wird, während Caesar wegen seiner ehrgeizigen Pläne für alles Böse, das über Rom gekommen ist, verant-
allgemeinen Ruins und despotischer Willkür. Selbst an seinem Lebensende wurde Seneca kein Republikaner, sogar wenn wir annehmen wollten, er sei die Seele der Pisonischen Verschwörung gewesen, von der er nach Tacitus (annal. XV, 61) zum mindesten Kunde hatte. Denn die Pisonische Ver- schwörung erstrebte nur eine maßvolle Monarchie, aber keine Republik, an deren Spitze Piso, nach anderen sogar Seneca selbst treten sollte.(Tac. annal. XV, 65.) z) H. Willrich, Caligula, Klio 3.(1903) S. 460 ff. ist der Meinung, Seneca habe durch die ungünstige Behandlung Alexanders Caligula treffen wollen. Dem widerspricht, daß Senecas Schriften, in denen Alexander
erwähnt wird, außer de ira— hier kommen aber die groben Schimpfwörter etumidissimum animal'... noch nicht vor— über 15 Jahre nach Caligulas
Tod verfaßt sind, in einer Zeit, wo Caligulas Andenken stark verblichen war und kein augenscheinlicher Zweck vorlag, gegen ihn zu polemisieren. Dazu kommt, daß bei Lucan, der über jeden Verdacht erhaben sein muß, aus persönlichen Gründen auf Caligula losgeschlagen zu haben, fast dieselben Schmähungen vorkommen wie bei Seneca. Er hat nur in dasselbe Horn geblasen wie sein Oheim Seneca und damit versucht, seinem Unmut gegen Nero Luft zu machen, der, wie erwähnt, auch Alexander nachgeahmt zu haben scheint. Vgl. auch Christensen a. a. O. S. 126.
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