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schaften des Königs ein größeres Kapital, anerkennt aber seine hervorragende ¹dçeziſ. Curtius geht noch einen Schritt weiter als Livius und Trogus. Er tadelt nicht nur äußerst scharf Alexanders Untugenden, sondern entscheidet auch die Frage der doerij' oder der röꝝiſ Alexanders, die sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Werk zieht, zugunsen der zöxi. Damit schmeichelte er seiner römischen Nationaleitelkeit und folgte seiner fatalistischen Weltanschauung, dem Glücke nicht zu trauen.
Nun zu Seneca und seinem düsteren Alexanderporträt! Sicherlich hat er— darin stimme ich Hoffmann(S. 51) bei— die meisten seiner heftigen Ausfälle der Rüstkammer der Exempla- Sammlungen der Rhetorenschulen entnommen. Seneca scheint sich aber mit der bloßen UÜbernahme der Exempla nicht begnügt zu haben, sondern ihre Wirkungskraft durch eingelegte Schimpf- wörter und gehässige Bemerkungen noch absichtlich gesteigert zu haben. Denn seine Charakterisierungen Alexanders tragen durchweg ein individuelles Gepräge. Daß ihm, wie Hoffmann glaubt(S. 51 f.), stoische Exempla-Sammlungen moralischer Art die Worte liehen, ist unrichtig. Denn ein innerhalb der stoischen Schule sich vererbendes Tyrannenbild Alexanders läßt sich, wie bereits festgestellt, nicht nachweisen. Welche Be- weggründe haben nun Seneca zu seinem dunklen Alexander- gemälde veranlaßt? Von bestimmendem Einfluß mag die moralische Tendenz seiner Schriften gewesen sein, den Menschen zu zeigen, wie man sein Leben zu einem glücklichen, aber auch zu einem unglücklichen und verkehrten machen könne. Aber dieser Grund reicht nicht aus, um die Erbitterung und die Wut zu erklären, mit der Seneca auf den Makedonenkönig los- geschlagen hat. Das Verhalten Senecas ist um so auffallender als er seiner politischen UÜberzeugung nach für eine Monarchie eintrat, allerdings für eine nicht unumschränkte Monarchie. ¹)
¹) Senec. de clement. I, 1, 1 ff.; I, 3, 3 ff.; I, 4, 1 ff.; consol. ad Polyb. 7,2. Die Lobeshymnen, die Seneca auf Cremutius Cordus(ad. Marc. 1, 2) und auf Cato Uticensis(de constant. 1, 3; 2, 1; de tranquill. 16, 1; de ir. 3, 32) singt, beziehen sich nicht auf die republikanische Gesinnung dieser Männer, sondern ihren unerschütterlichen Mut und ihre charakterfeste Haltung inmitten des


