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weniger die Tendenz verrät, Alexander den Stempel eines griechischen Nationalhelden aufzudrücken. Hand in Hand mit dieser Bestrebung geht eine Bewegung, die den Makedonen- könig in das Reich der Fabeln und Märchen versetzt und damit dem Geschmacke des damaligen Publikums entgegen- kommt. Die Alexanderpanegyrik ist nicht unbestritten ge- blieben. Ephippos von Olynth, einer von vielen, hat gegen sie polemisiert. Ob der Haß und Abscheu über Alexanders An- nahme persischer Sitten oder die Nichterfüllung persönlicher Wünsche oder ein anderer Grund das Motiv seiner Polemik gewesen ist, können wir heute nicht mehr sagen. Timaios veranlaßte nur seine persönliche Abneigung gegen Kallisthenes, dessen Verurteilung von vornherein als eine gerechte anzusehen. Egoistische Motive, verbunden mit dem Bestreben, der Dynastie der Ptolemaeer ein Kompliment zu machen, mögen in der Seele eines Pseudo-Hekataios das Bild eines Judenfreundes hervorgezaubert haben.
250— 30. Vielleicht haben, um den Römern zu schmeicheln, Aristos und Asklepiades ihn zum Propheten der zukünftigen Macht Roms gemacht, die traurige politische Lage dagegen und das Bedürfnis, ein moralisches Gegengewicht zu finden, den Polybios bewogen, Alexander zum griechischen Nationalhelden zu erheben und seine Tugenden zu preisen. Dies konnte er umso eher, als die Gegensätze zwischen Makedonen und Griechen, wie sie zu Alexanders Zeiten noch bestanden hatten, völlig verschwunden waren und der makedonische König der Ver- teidiger Griechenlands gegen römische Waffengewalt geworden war. Die politische Erhebung Alexanders gegen Ende der rö- mischen Republik scheint die Folge eines momentan gesteigerten Nationalgefühles gewesen zu sein, das in dem mächtigen Ein- dringen griechischer Bildung in Rom wohl seinen letzten Grund hat. Die unglücklichen Kämpfe, die die Römer in dieser Zeit mit den Parthern zu bestehen hatten, legten einen Vergleich nahe mit dem Siegeszuge Alexanders im Osten. Man freute sich, aus der griechischen Gechichte den Römern einen Mann gegenüberstellen zu können, der mit weit geringeren Macht- mitteln ohne besondere Anstrengungen in jenen Gegenden einen
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