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bewerten sind. Zu dieser Stellungnahme zwingt uns W. Hoff- mann.¹) Nach ihm hat jede der drei großen Philosophenschulen Peripatetiker, Stoiker, Kyniker, eine vorgefaßte politische An- schauung, nach der alle Anhänger das Bild bezw. Zerrbild Alexanders malen; in verba magistri schwören die Schüler. Wie steht es damit?
Hoffmann(S. 2 ff.) findet richtig in den politischen An- schauungen des Aristoteles und Alexander einen fundamentalen Gegensatz. Aristoteles will nach echt hellenischer Anschauung die Hellenen εκνμμσ ddie Barbaren*eοαππσοευνν behandelt 4 wissen, während Alexander diese Kluft zu überbrücken sucht.
r Hoffmann schließt dann weiter, die Schüler seien der Lehre
- des Meisters gefolgt, und so sei der Gegensatz des Peripatos
zu Alexander begründet worden.
n So richtig der Vordersatz, so falsch der Schluß. Der
n Gegensatz zwischen Aristoteles und Alexander in diesem Re- d gierungsaxiom ist freilich fundamental. Aber eben nur an sich.*
In der Gesamtpolitik des Königs ist er nur ein Punkt neben anderen. Aristoteles mag in diesem einen Punkt dem König d gegenüberstehen, muß er deshalb die ganze politische Tätigkeit Alexanders verwerfen? Und weiter! Mögen auch die Peripa- tetiker prinzipiell die Politik des Eroberers verwerfen, müssen 1 sie deshalb auch über Alexander als Persönlichkeit den Stab gebrochen haben? Kann nicht der strengste Demokrat die Größe eines Napoleon anerkennend rühmen?
Wir sehen also, ein politisch abweichender Standpunkt muß nicht eine ungünstige Beurteilung der ganzen Persönlichkeit zur Folge haben. Und weiter. Gewiß ist der Schluß logisch richtig: Ein Demokrat kann einen Monarchen als Herrscher nicht günstig beurteilen. Aber Geschichte darf man eben nicht(a priori' konstruieren, Geschichte ist Tatsachenwissenschaft. Auch ein Demokrat kann für Geld oder aus Furcht oder aus sonstigen Motiven seine UÜberzeugung verleugnen. Ein philosophischer Staatsmann oder staatsmännischer Philosoph gar wird in bester
¹) W. Hoffmann, Das literarische Portrait Alexanders des Großen im griechischen und römischen Altertum, Leipz. hist. Abhdlg. H. VIII, 1907.


