Kapitel VIII.
Die Motive der Beurteilung Alexanders durch Römer und Griechen.
Die gegebene Ubersicht der antiken Urteile über Alexander zeigt eine erstaunliche Mannigfaltigkeit. Von Anfang an ver- schieden ist der Charakter des großen Königs gewertet worden, seine politischen Maßnahmen und seine glänzenden militärischen Erfolge. In den einzelnen Zeitepochen haben die Literaten immer neue Züge in das wahre Alexanderbild hineingemalt und es so teils ziemlich richtig getroffen, teils ganz entstellt. Wie erklären wir uns das?
Wir müssen in die Werkstätte des Künstlers gehen und dem Werden des Werkes zuschauen, wir müssen versuchen, aus der Persönlickeit des Schaffenden das Geschaffene zu ver- stehen. Aber erst in dem Punkte, wo innere Veranlagung und äußere Einflüsse sich kreuzen, steht die Persönlickeit. Jeder ist das Kind seiner Zeit, und besonders bei einem Historiker, auch wenn er'sine ira et studio' schreiben will, spielen die àußeren Momente eine große Rolle. Wir müssen also einmal den geistigen Blick des Autors erfassen, dann die außerpersön- lichen Faktoren.¹) Auf diesen beiden Momenten ruht das Werk, sie klar herauszuarbeiten heißt das Werk verstehen.
Doch vorher müssen wir noch einen Schritt weitergehen. Wir müssen prinzipiell feststellen, wie die äußeren Einflüsse zu
¹)„Der Freund der Wahrheit“, sagt Schiller in der Einleitung zum Verbrecher aus Infamie,„sucht die Quellen des Geschehens in der unver- änderlichen Struktur der menschlichen Seele und in den veränderlichen Ver- hältnissen, welche sie von außen bedingen“.


