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Alexander der Große im Urteil der Griechen und Römer bis in die konstantinische Zeit / eingereicht von Franz Weber
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absichtlich verdreht und entstellt und so einen weiteren Grund zu der verwirrten und ungleichartigen Tradition der Alexander- geschichte gegeben. Ferner mußten, je später ein Teilnehmer an Alexanders Zug sich zur Abfassung seiner Geschichte entschloß, die Erinnerungsbilder einzelner Vorgänge desto verschwommener und verblaßter sein. Die naturgemäße Folge war, daß Ungenauig- keiten, Irrtümer oder sogar Fälschungen sich in die Darstellung einschlichen und den Anspruch auf Richtigkeit machten. Und griff der Verfasser, um das ihm Fehlende zu ergänzen, zu der bereits vorhandenen Alexanderliteratur, so lag die Gefahr nahe, daß er aus seiner Quelle Dinge übernahm, die er vor seinem Gewissen nicht verantworten konnte. So wurden die bereits vorhandenen Interpolationen noch vermehrt. In noch weit höherem Maße aber begünstigte die Zersetzung der offiziellen Tradition die frühe Versetzung des Königs in das Reich der Fabel. Es ist ergötzlich zu sehen, wie in einer Zeit des auf- geklärtesten Rationalismus, in der der Volksglaube an die nationalen Götter- und Heldenmythen durch die Philosophie aufs tiefste erschüttert und in den höheren Kreisen meist zer- stört war, bald nach Alexanders Tod der Volksmund die wunder- lichsten Wunder- und Märchengeschichten an seine Eroberungs- züge knüpfte und daran seinen Gefallen fand. Der Niederschlag dieser vulgären Alexanderauffassung ist der Alexanderroman. Indes ist diese phantastische Fabuliersucht des damaligen Lese- publikums auch auf die Historiographie nicht ohne Einfluß ge- blieben. Gar manche Alexanderhistoriker haben sich durch die moderne Geschmacksrichtung verleiten lassen, durch märchen- hafte Reiseerlebnisse und ethnographische Fabeln ihre Darstellung zu würzen, so daß man an den Anfang ihrer Werke die Worte schreiben könnteDichtung und Wahrheit. So sind also die primären Alexanderquellen schon in ihrer Zeit vielfach getrübt worden, ganz abgesehen von den Nuancen, die spätere Autoren beim Exzerpieren hineintrugen.

In Athen, wo eben noch Alexander vielfach der Gegenstand des Hasses und der Anfeindung gewesen war, hatte der un- glückliche Ausgang des lamischen Krieges(323 322) und der Tod so hervorragender Antimakedonen wie Demosthenes und