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Kapitel II.
336—323. Die Urteile aus der Zeit Alexanders.
Kaum je ist ein Gewaltiger unter den Menschen zu Leb- zeiten schon und gleich nach seinem Tode so oft geschildert worden als Alexander der Große. Trotzdem, ein erschöpfendes Bild des großen Makedonen auch nur von einem seiner Zeitgenossen vermag die Uberlieferung uns nicht mehr zu geben. Die Ori- ginalwerke über Alexander sind verloren. Allerdings schöpften aus ihnen die späteren antiken Schriftsteller, aber wie fast stets benutzten auch sie verschiedene Werke der Frühzeit und schufen daraus ein neues, ohne dabei die Namen der Autoren— außer in strittigen Fällen— für das Einzelne anzugeben. Inter- polationen, Mißverständnisse, Parteirücksichten taten das Ubrige, das Urteil dieser späteren Quellen zu trüben. So lassen sich nur die Umrisse der frühen Alexanderportraits noch erkennen.
Verschieden von Anfang an waren die Motive, aus denen man zum Stilus griff. So folgten Alexanders Heereszug Griechen, die von ihm materiellen Gewinn oder Verwirklichung ihrer panhellenistischen Ideen erhofften oder für die früher von den Persern erlittene Schmach ihrer Nation Rache nehmen wollten. Sie schrieben in lobendem Ton.
Jedoch mit der zunehmenden Entfremdung Alexanders vom Griechentum schwand bei vielen von ihnen die alte Begeiste- rung, um sich in Haß und schließlich in offene Rebellion zu verwandeln, und auch diese Gesinnung fand Worte für die Offentlichkeit. In den Kreis dieser oppositionslustigen Griechen gehörten auch die Makedonen, welche Alexanders Hinneigung zum orientalischen Despotismus abstieß. Ob sie auch literarisch


