Jahrgang 
1929
Seite
32
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32 Abschnitt 1

schlamm der Tertiärzeit in verfestigtem Zustande. Aehnlich der sehr mächtigen und stark abgebauten Papier⸗ oder Schieferkohle der Grube Messel bei Darmstadt enthalten sie vergasbare Substanzen, sog. Bitumen, das durch Verschwelung gewonnen werden kann: für das mineralölarme Deutschland ein grundsätzlich wichtiges Material. Leider machte ein hoher Schwefelgehalt eine Verwendung bisher unmöglich, so daß mancher alte Betrieb, wie Leih⸗ gestern und Annerod oder Eberstadt bald zum Er⸗ liegen kam und örtlich schon der Vergessenheit an⸗ heimgefallen ist.

Allein von dauernder Bedeutung sind die nach⸗ basaltischen, bis 20 Meter mächtigen Braunkohlen, die, mit der Grube Friedrich noch im Kreise Gießen beginnend, sich in der Hungener Senke von Hungen bis in die Nähe von Friedberg verfolgen lassen. Vor 121 Jahren begann hier bei Ossenheim die ernste Tätigkeit des Bergmannes, und jetzt sind es vor allen Dingen die staatlichen Gruben, die einen ausgedehnten Tiefbau betreiben. Deutlich erkennt man an der Kohle mit ihren vielen Stamm⸗ resten, daß es sich um untergegangene Sumpf⸗ wälder handelt. Leider ist die Kohle mulmig und verträgt roh keinen Versand. So ist man bald dazu übergegangen, sie in die einfache Form der sog. Naßpreßsteine zu bringen und neuerdings zu brikettieren. Von den vier Brikettfabriken Ober⸗ hessens befindet sich eine in Trais⸗Horloff. Die rationellste Verwendung findet aber in Wölfers⸗ heim statt, wo die Rohbraunkohle der Grube Ludwigshoffnung in dem bekannten Elektrizitäts⸗ werk des Staates direkt in elektrische Kraft um⸗ gewandelt wird, die nun weit in das Land gehen kann. Die in den Pflanzenresten aufgespeicherte Sonnenenergie der Tertiärzeit kommt hier zu einer segensreichen Auferstehung.

Ergebnisse der Volks⸗, Berufs⸗ und Betriebszählung am 16. Juni 1925 für Stadt und Kreis Gießen.

Von Dr. Heger, Darmstadt.

Fläche, Gemeinden, Einwohnerzahl.

Der Kreis Gießen umfaßt 60 100 ha und ver⸗ einigt in seinen 81 Gemeinden 99408 Personen, die nahezu ein Drittel der gesamten oberhessischen Bevölkerung ausmachen. Die Kreis⸗ und Pro⸗ vinzialhauptstadt Gießen selbst nimmt hinsichtlich der Bevölkerung unter allen Gemeinden der Pro⸗ vinz die erste Stelle ein; sie zählt 33600 Einwohner. Von den übrigen Gemeinden des Kreises haben unter 100 Einwohner 2, zwischen 100 und 500 33, zwischen 500 und 1000 26, zwischen 1000 und 2000 12; mehr als 2000 Einwohner haben die

Gemeinden: Großen⸗Linden, Grünberg, Heuchel' heim, Lich(mit Mühlsachsen), Lollar, Watzenborn und Wieseck.

Die Bevölkerungsdichte des Kreises Gießen be? trägt 165 Personen auf 1 qkm; sie wird auch in dem nächst dichtbevölkertsten Kreise der Provinz (Friedberg) nicht annähernd erreicht. Selbst im Kreis Gießen⸗Land entfallen auf den Quadrat⸗ kilometer noch 117 Bewohner, während die durch schnittliche Bevölkerungsdichte der Provinz nur 99 beträgt.

Wohnhäuser, Haushaltungen, Familien.

Bei der im Juni 1925 vorgenommenen Volks Berufs⸗ und Betriebszählung wurden im Kreise Gießen(darunter in Gießen⸗Stadt) gezählt: bewohnte Wohnhäuser 14837(2592), andere be⸗ wohnte Gebäude 21(3), unbewohnte Wohnhäuser 142(21). Darin waren vorhanden 22834(8259 Haushaltungen!) mit 25687(8592) Familien. Auf ein Wohnhaus kommen in der Stadt Gießen somit durchschnittlich 12,02 Bewohner, in den Landgemeinden des Kreises dagegen 5,46. Die Durchschnittsstärke der Haushaltungen und Familien beträgt in der Stadt 4,07 bzw. 3,91, in den Landꝰ gemeinden 4,52 bzw. 3,85 Personen. Bei Ver⸗ gleich der Stadt Gießen mit Mainz und Darmstadt und des Kreises Gießen⸗Land mit den übrigen oberhessischen Kreisen ergeben sich keine größeren Unterschiede. Es ist lediglich festzustellen, daß in Gießen⸗Stadt die Haushaltungen und Familien stärker sind als in den anderen hessischen Gemeinden mit 10000 und mehr Einwohnern. Deshalb scheint auch die Zahl der Wohnhäuser wenn man sie auf die Haushaltungen statt auf die Bewohner bezieht in Gießen größer. So kommen in Gießen auf ein Wohnhaus nur 2,95 Haushaltungen, in Darmstadt(wo die durchschnittliche Bewohnerzahl 12,59] nur wenig höher ist als in Gießen) dagegen 3,42 Haushaltungen.

Gemessen an den entsprechenden Zahlen des Jahres 1910 ergibt sich für Gießen⸗Stadt eine Zunahme an Wohnhäusern von 21,8%, für Gießen Land eine solche von 5,2%/ in dem zwischenliegenden Zeitraum. Die Haushaltungen haben um 27,½ bzw. 8,5 ½, zugenommen. Der Zuwachs an Wohn häusern und Haushaltungen in der Stadt Gießen ist als überaus stark anzusehen?). In den Landꝰ gemeinden des Kreises bleibt die Zunahme an Wohnhäusern und Haushaltungen dagegen hinten den Durchschnitten für das Land(8,6 bzw. 14,50%

1) Als Haushaltung gelten die zu einer wohn⸗ und hauswirtschaftlichen Gemeinschaft vereinigten Personen sie kann daher aus einer oder mehreren Familien 2 bestehen.

2) Nur in Offenbach ist eine ähnliche Entwicklung festzustellen.