Jahrgang 
1929
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14 Abschnitt 1

und die Universität. Die Stadt hatte zwei Rauch⸗ tabakfabriken, die viele Hände beschäftigten, Likör⸗ und Essigfabrikanten, Seifenmacher und Lichter⸗ zieher, Strumpfweber, Hutmacher, Rot⸗ und Weißgerber, Büchsenmacher, Messerschmiede, Gold⸗ und Silberarbeiter, mehrere Bierbrauer, wovon auch einer englisches Porterbier machte. Buchhandlungen hatte Gießen drei, Buchdruckereien zwei, ferner eine Mahl⸗, eine Oel⸗ und eine Walk⸗ mühle.

Aus einem späteren Vortrag, den der damalige Vorsitzende des hiesigen Gewerbevereins Prof. Dr. von Ritgen im Jahre 1881 hielt, ist zu ent⸗ nehmen, daß im Jahre 1829 hier vorhanden

waren: drei Backsteinfabrikanten, drei Steinhauer⸗

meister, 15 Schreiner, 67 Schlosser, 3 Dach⸗ decker und 3 Zimmermeister.

Viele heute noch bestehende Firmen sind in jener Zeit vor etwa 100 Jahren entstanden. Sie alle einzeln aufzuführen, würde hier zu weit führen.

Daß die Zeit der Erfindungen, der Uebergang vom Hand⸗ zum Maschinenbetrieb, die Einführung von Gas und Elektrizität und der dadurch bedingte Aufschwung der gesamten Wirtschaft auch am Gießener Mittelstand nicht spurlos vorüber ge⸗ gangen ist, beweist am deutlichsten die Statistik des Jahres 1907, die für die einzelnen Berufe als beschäftigt angibt: Gärtnerei 232 Personen; Ziegelei 215 Personen; Grobschmiede 150 Per⸗ sonen; Schlosser 731 Personen; Maschinen 676 Per⸗ sonen; Bäcker 411 Personen; Metzger 421 Per⸗ sonen; Mälzerei und Brauerei 318 Personen; Tabak 594 Personen; Schneider und Schnei⸗ derinnen 773 Personen; Bauunternehmung 1193 Personen; Tüncher 312 Personen; Schuhmacher 432 Personen; Zimmerer 32 Personen. Nach der Berufszählung vom gleichen Jahr befinden sich in Gießen 8616 männliche und 2134 weibliche, ins⸗ gesamt also 10750 Gewerbetreibende. Dem stand im Jahre 1829 eine Gesamteinwohnerzahl von 7224 Seelen gegenüber.

Welch eine Entwicklung in doch verhältnismäßig kurzer Zeit! Nicht in letzter Linie ist dies Empor⸗ blühen von Handwerk und Gewerbe auf die rege Tätigkeit des bereits im Jahre 1840 gegründeten

Gießener Gewerbevereins

zurückzuführen. In der Erkenntnis, daß der junge Gewerbetreibende nur dann vorwärts kommen und etwas Tüchtiges leisten konnte, wenn er draußen in der Welt fremde Arbeitsweisen und Methoden kennen lernte, um das Gute und Praktische für sich zu verwenden, beschloß der hiesige Verein, ent⸗ sprechend einem Antrag von Justus von Liebig, Reisestipendien festzusetzen, damit jungen Hand⸗ werkern die Möglichkeit zu Reisen ins Ausland verschafft wurde, um sich in den dortigen Indu⸗

strien nützliche Erfahrungen zu sammeln und hier⸗ durch dem Vaterlande Vorteile zu bringen. Dank⸗ bar haben die Gewerbetreibenden die Anregungen des Gewerbevereins aufgenommen und durch ihren Beitritt ihr Interesse an den Bestrebungen dieser Organisation bekundet. Daß die Gründung eine Notwendigkeit war, beweist, daß heute kaum ein Gewerbetreibender dem Verein fernsteht, alle sehen in ihm die berufene Vertretung ihrer Interessen. Seine Tätigkeit blieb aber nicht allein auf die Stadt Gießen beschränkt, sondern in allen größeren Orten des Kreises schlossen sich nach dem Gießener Vorbild die Gewerbetreibenden in ört⸗ lichen Gewerbevereinen zusammen. Nicht klein⸗ liche, wirtschaftliche Rücksichten waren maßgebend, sondern Leitstern war der Gedanke,dem Vater⸗ land Vorteile zu bringen. An der Spitze dieser Vereinigungen standen und stehen entweder Männer der Praxis, die aus Verantwortungs⸗ freudigkeit ihre Erfahrungen und ihre Arbeits⸗ kraft dem Allgemeinwohl zur Verfügung stellen, oder Persönlichkeiten, die in jahrelanger Arbeit im öffentlichen Leben den Wert des Mittelstandes erkannt haben und die in ihm ruhenden Kräfte pflegen und heben wollen.

Wie diese örtlichen Gewerbevereine, so haben auch die

Innungen

in der Stadt und im Kreise im weitesten Ausmaße

dazu beigetragen, das wirtschaftliche Leben zu heben. Die Innungen waren und sind die Kampf⸗ und Verteidigungsorganisationen des Handwerks gegen eine immer weiter um sich greifende Ver⸗ kapitalisierung und Vergesellschaftung der gewerb⸗ lichen Betriebe. Hier herrscht die Eintönigkeit der Norm und der Materialismus der Spekulation auf die augenblickliche Konjunktur und ihre bestmögliche Ausnutzung. Dort ist die eigene Tüchtigkeit, das eigene Können und die Fähigkeit, sich den jeweili⸗ gen Wünschen des Käufers anzupassen, maßgebend. In den Innungen ringt das Handwerk um seine Existenz unter dem Leitspruch: Einigkeit macht stark.

Ein alter Wunsch des gesamten Handwerker⸗ standes ging in Erfüllung, als sich die Hessische Handwerkskammer entschloß, im Januar 1926 auch in Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach eine

Handwerkskammer⸗Nebenstelle

zu errichten mit dem Ziel, dem einzelnen Hand⸗ werker in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit mit Rat und Unterstützung zur Seite zu stehen und zu sorgen, daß auch im Handwerk ein gesunder, tüchtiger Nachwuchs herangezogen wird, der das Erbe der Väter nicht nur zu halten, sondern auch weiter auszubauen versteht. Die Inanspruchnahme