Jahrgang 
1929
Seite
10
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10 Abschnitt!

werden. Gelegentlich werden aus dem Vereins⸗ vermögen auch Werke, besonders hessischer Künstler angekauft, die in der unter 4 erwähnten Gemälde⸗ sammlung aufbewahrt und ausgestellt werden.

Gießener Bau⸗ und Kunstdenkmäler.

Den künstlerischen Charakter Gießens bestimmen, nach Art, Umfang, Bedeutung sehr verschieden, die folgenden Faktoren: Die Festung, deren Anlage und Nachwirkung das Stadtbild wesentlich be⸗ stimmte, bis der Bau der Eisenbahn es durch un⸗ geschickte Linienführung ästhetisch sehr zu seinem Nachteil veränderte; durch den hohen Bahndamm ist die reizvolle Aussicht zur Lahn und Burg Glei⸗ berg völlig abgeschnitten und die Entwicklung der Stadt nach dieser Seite unheilvoll unterbunden worden. Für die Festung und die Residenz, die in der sicheren Festung besonders in Kriegszeiten der Fürst aufschlug, und für die Universität wurden Monumentalbauten geschaffen. Monumentalbauten in Stein; nur einmal ein Monumentalbau im ur⸗ tümlich deutschen Baustoffe, dem Holz, dem Stoffe, in dem wir sonst Bauten des Bürger⸗ und Bauern⸗ tums zu sehen gewohnt sind. Dafür aber ist nun auch in der Tat dieses eine Beispiel des durch Fürstenwillen zu großrepräsentativer Wirkung ge⸗ steigerten Fachwerkhauses, das neue Schloß Philipps des Großmütigen, einzig in der deutschen Kunstgeschichte.

Ganz gering nur im Vergleich zu diesen anderen

Faktoren ist in Gießen die künstlerische Wirkung der geistigen Großmacht, die überall wo anders die größten Wirkungen gezeugt hat, die der Kirche: Von der verbauten alten gotischen Pankratius⸗ kirche(Stadtkirche) ist nur der Turm über⸗ geblieben, an der Stelle der Kirche selber steht der nicht uninteressante Mollersche Neubau in strengen klassizistischen Formen. Der Griesebach⸗ sche Bau der Johanneskirche in Formen fran⸗ zösischer Renaissance steht uns in seiner Ent⸗ stehung noch zu nahe, als daß wir das Eigene des Baumeisters stark empfinden könnten; vielleicht, daß spätere Geschlechter es tun. Wohl aber bildet der Fachwerkbau der Kapelle auf dem alten Friedhof ein Schmuckstück besonderer Art.

Monumentalgebäude in Stein und Fachwerk.

Das Schloß Philipps des Großmütigen am Brandplatz, 1533 begonnen, Anfang des 20.Jahr⸗ hunderts wiederhergestellt, Untergeschoß Bruchstein (ursprünglich verputzt), Obergeschoß Fachwerk mit wuchtigen hohen Eckverstrebungen. Kraftvolle For⸗ men oberhessischer Art, wie sie in den Rathäusern von Alsfeld und Schotten vorgebildet, hier mit den schönen Ecktürmchen und dem breiträumigen

Treppenturm für den besonderen Zweck des breit⸗ gelagerten Fürstenbaues reif entwickelt sind.

Das Zeughaus, 1585 für die Artillerie und die Handwaffenvorräte der hessischen Landgrafen in Bruchstein erbaut, ursprünglich verputzt und bemalt in den Formen der deutschen Renaissance mit spitz ausgezogenen Schneckengiebeln.

Fachwerkbauten.

Das Rathaus am Markt. Verhältnismäßig kleiner und darum zierlich wirkender Bau, der ursprünglich freistand, so daß die offene Markthalle des steinernen Erdgeschosses hell beleuchtet war. Aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, 1900 wiederhergestellt. Am Fachwerkobergeschoß zeugt der Schmuck der Rosetten, über Ständerfuß und Fußbänder hinweggezogen, von niedersächsischem Einfluß, der von Norden, von Marburg her in dieses Grenzland zwischen Nord⸗ und Süddeutsch⸗ land einströmt. Interessant ist die Konstruktion der hölzernen Pfeilerbündel, die die Decke der Erd⸗ geschoß⸗Halle tragen.

Das Leibsche Haus, Kirchstraße 2, ein altes Burgmannenhaus, gehört zu den ältesten, und es darf auch gleich gesagt werden kunsthisto⸗ risch bedeutendsten deutschen Fachwerkbauten. Von seinem hohen Alter zeugen Besonderheiten der Konstruktion, die an jene des ältesten bekannten deutschen Fachwerkhauses erinnern, des Hauses von etwa 1320, das Carl Schäfer, der größte Kenner dieser deutschen Sonderart der Kunst im nahen Marburg entdeckte: Die freie Endigung des Pfostens an der Ecke, die noch befangene Ecklösung im Auf⸗ bau, vor allem die lang herunterreichenden Kon⸗ solen unter den stark vorgekragten Balkenköpfen, die dem gotisch hochgiebeligen Bau die künstlerisch stärkste Gliederung geben, das sind die Haupt⸗ merkmale der frühsten Entstehung. Das Innere ist vielfach umgebaut; von großen saalartigen Ein⸗ räumen zeugen die neuerdings zu Tage getretenen Bündelpfeiler, die die Unterzüge trugen. Ihre spätgotische Form ist wohl später als der Außenbau anzusetzen.

Das Bettesche Haus an der Mäusburg fällt auf durch seine hohe gotische Erscheinung in kühner Konstruktion der vorgekragten Stockwerke mit der interessanten Ecklösung auf drei Konsolen; auch die Schloßgasse hat noch Gebäude dieser Zeit.

Kann man die bisher besprochenen Fachwerk bauten noch als gotisch bezeichnen, mit Ausnahme des neuen Schlosses, in dem die Gesamtabsicht des Bauherrn schon weiter zur Renaissance hin ent⸗ wickelt erscheint, so muß man die folgenden Bau werke, die alle der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗ hunderts entstammen, also kurz vor und in dem Dreißigjährigen Kriege entstanden sind, der Re naissance und einem eigentümlich deutschen frühen Barock zurechnen.