4 Abschnitt 1
werden auf der Hardt ½ Morgen Land gekauft zum Zwecke der Anlage eines Weingartens; die Stelle heißt bis zum heutigen Tage„Wingerte“(„Sacke Wingert“).
Stein⸗, Leimen⸗, Erd⸗ und Sandkauten sind zahl⸗ reich in der Flur verteilt und geben den angrenzen⸗ den Gewannen ihre Namen. Auf die Bodennutzung deuten auch die beiden„Stolzen Morgen“, ein Waldbezirk, dessen Name mißverstanden worden ist. Er hieß 1481 und noch lange nachher„Stelzen⸗ morgen“. Stelzen aber sind Knüppel⸗, Prügelholz. Die„Triesche“, anderwärts„Dreesche“, sind Oed⸗ ländereien, die Weidezwecken dienen. Auf der Hardt finden wir allein deren drei, die 1554 erwähnt werden. Den„Langdriesch“, der früher zur Selters⸗ mühle gehörte, schenkte Philipp der Großmütige der Stadt, als er 1545 wegen der Festungserweite⸗ rung diese Mühle abbrechen ließ. Er sollte zur Haltung von Eseln dienen und ist zweifellos die heutige„Eselsweide“ vor dem Heßler. Der „Scheidgestriesch“ liegt im Schiffenberger Wald an einer Grenzscheide. Die Hardt bietet noch mehr Weideland. Wir finden hier einen„Schafstall“ (15. Jahrhundert) und die„Koppelhuth“, d. i. Ge⸗ meinweide, einen großen Bezirk hinter dem Hardt⸗ hof, wohl die im 14. und 15. Jahrhundert genannte Kroppacher Weide. In den„Wiesenvierteln“ im Osten der Stadt vor dem Philosophenwald liegt die„Eselswiese“, deren Namen ehemals„Etzen⸗ wiese“ lautete, von mittelhochdeutsch etzen=⸗ weiden, was man nicht mehr verstand und deshalb mundgerecht umdeutete. Nicht weit davon stoßen wir auf den„Viehtrieb“ und den„Trieb“. Der Trieb ist Allmende; um ihn herum liegt Gemeinde⸗ ackerland, das den Ortsbürgern anteilweise zur Benutzung überlassen wurde, daher der Name „Triebviertel'. Draußen im Wald die„Ochsen⸗ wiese“, wo sich jetzt der Flughafen befindet, ver⸗ dankt ihren Namen dem Umstand, daß sie den „Ochsenbeständern“, d. h. denjenigen Ackerbürgern, die die Gemeindebullen hielten, vertragsmäßig überlassen wurde. Der„Gänswinkel“, nach Klein⸗ Linden zu gelegen, und die schon im 15. Jahr⸗ hundert genannte„Gansweide“ an der Launs⸗ bacher Grenze bedürfen keiner Erklärung und mögen diese Gruppe der Flurnamen beschließen.
Von der Gestalt der Gewann leiten mehrere Be⸗ nennungen ihren Ursprung her:„im Biegen“ von der Stelle einer Biegung, Bachkrümmung, die „krummen Aecker“ am Gleiberger Weg und die „krummen Gräben“ in der Nähe der Rodheimer Straße. Auch der Name„am Schlangenzahl“ gehört hierher. Zahl ist mhd. zagel„Schwanz und kommt in der Form tzeyle, czayl, zel häufig in Orts⸗ und Flurnamen vor. Hier in Gießen gab es 1435 eine Lage„vor dem tzeyle“, 1495 einen zeayl.
Der„Gänsacker“ deutet vermutlich auf ein Rechtsverhältnis, auf eine Abgabe, die in Gestalt
oder im Wert von Gänsen auf dem Acker ruhte, auf Hoheitsrechte der Name der Gewann„am halben Zehnten“ und der„Zollstock bei den Kroppach⸗ wiesen. Die schon im 15. Jahrhundert genannte Gewann„am alten Schlag“, ungefähr am früheren Uebergang des Schiffenberger Wegs über die Eisen⸗ bahn gelegen, erinnert an eine Wegschranke, die die Straße sperrte. Sie wurde 1598 errichtet oder erneuert und seltsamerweise vom Pförtner des doch ziemlich weit entfernten Neuenwegertors bedient. Die Bauamtsrechnung vom Jahre 1610 enthält einen Ausgabeposten von vier Mesten Korn Amtsbesoldung dem Neuenwegerpförtner„vom Schlag in der Langen Stehn uf und zu schließen“. Beiläufig bemerkt: die„Lange Stehn“ kommt im 15. Jahrhundert vor in der Form„in der langen⸗ stein“,„in der langen stege“(stege ⸗ Stiege); daraus wurde dann„am Langenstein“, weil man nicht wußte, daß das i nur Dehnungsvokal ist wie in eilf.
Auf ein Besitzverhältnis geht zurück das schon genannte„Römersloch“ in der Lichtenau, seit 1578 erwähnt. Die Familie Römer ist in Gießen von 1443 bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nachweis⸗ bar. Die„Löberingswiese“ gehörte einer Familie, die im Zinsregister von 1669 auftritt. Der„Ode⸗ wars Baum“, 1484 erwähnt, aber heute unbekannt, hängt mit dem Namen Odebar, Odenbahr, der jedoch erst 1610 und 1631 belegt ist, zusammen. Verschwunden ist auch die Bezeichnung„an deme Swicharte“(1379), die etwas später in der vollen Form„an deme Swykersrodde“(am Wetzlarer Weg) vorkommt, zum Namen Swichart, Schwei⸗ kard. Desgleichen die„Kriegewiese“(1438 und 1484), zurückzuführen auf den Ritter Johann Kriege, der 1355 urkundlich genannt wird, und der „Kalbesgarten“ nach dem ritterlichen Geschlecht der Kalbe, das als Burgmannen⸗ und Schöffenfamilie im 13. und 14. Jahrhundert in Gießen heimisch war. Zahlreiche Wiesen, Aecker und Gärten sind heute noch nach Familien des 17. und 18. Jahr⸗ hunderts benannt, nach den Schwalbach, Drechsel, Schenk, Busch u. a. Die„Professorenstücke“ be⸗ zeichnen den von der Stadt Gießen den Professoren nach der Gründung der Universität eingeräumten Anteil an der Allmende(den Triebvierteln), obgleich sie nicht das Bürgerrecht besaßen.
Wir verlassen die Feldflur mit einem Blick auf die Gewanne, die nach ausgegangenen Orten ge⸗ nannt sind. Die ältesten sind„Ursulum“, das alte Ursenheim, eine vieltausendjährige Siedelung hinter dem Philosophenwald auf der Wiesecker Gemar⸗ kungsgrenze, die zuerst von Pfarrer Röschen in Winnerod im Jahre 1887 nachgewiesen worden ist, die in der Karolingerzeit bereits bekannten„Selters“ und„Achstatt“, die im 13. Jahrhundert auftauchen⸗ den und allmählich wieder verschwindenden„Krop⸗ pach“ und„Leufertsrod“(1279: Liutfridisrode, zu


