Jahrgang 
1927
Seite
12
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12 Abschnitt 1

welcher ursprünglich mehr oder weniger auf die örtlichen Verhältnisse zugeschnitten war, hat es ver⸗ standen, sein Absatzgebiet immer weiter auszu⸗ dehnen. Der Handel mit Eisen und Eisenwaren unterhält reichhaltige Lager in den verschiedensten Sorten Eisen, Röhren, Blechen, Oefen und Klein⸗ eisenwaren und ist so jederzeit in der Lage, den Bedürfnissen der Kundschaft gerecht zu werden. Der Handel in Textilien aller Art, ursprünglich ebenfalls in der Hauptsache den lokalen Bedürf⸗ nissen zu dienen bestimmt, hat seine Beziehungen weit über die Grenzen Oberhessens ausgedehnt. Der Buchhandel, welcher ein besonderes Charak⸗ teristikum der Stadt Gießen ist, genießt weit und breit hohes Ansehen. Das Bankgewerbe, das durch eine Anzahl von Großbanken und leistungsfähigen Provinzbanken vertreten ist, hat an der Ent⸗ faltung des Wirtschaftslebens in Stadt und Kreis Gießen keinen geringen Anteil. Zum Großhandel im weiteren Sinne ist auch das Versicherungs⸗, Speditions⸗ und Agenturgeschäft zu rechnen, das besonders in der Stadt Gießen stark vertreten ist. Der ö

Kleinhandel

weist alle Branchen auf, welche der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen. Um sich von seiner Leistungsfähigkeit zu überzeugen, braucht man nur einen Gang durch die Hauptstraßen der Stadt Gießen zu machen, und man wird staunen über die Fülle und Mannigfaltigkeit des in den Schau⸗ fenstern mit großem Geschmack Dargebotenen von dem einfachsten Gebrauchsgegenstand bis zum Luxusgegenstand der auserwähltesten Art. Wirft man rückschauend einen Blick auf die recht bescheidenen Anfänge von Handel und Gewerbe in Stadt und Kreis Gießen vor etwa 100 Jahren und vergleicht man die damaligen Verhältnisse mit dem heutigen Zustand, so muß man gestehen, daß in diesem Zeitraum Unternehmungsgeist und starker Wille eines arbeitsamen Geschlechtes Großes und Dauerndes geschaffen haben. Daß ein solcher Geist auch in der heutigen Bürgerschaft und nicht zuletzt in der Kaufmannschaft lebt und auch für die Zukunft verheißungsvoll ist, sei zur Vervollstän⸗ digung des Bildes über die wirtschaftliche Struktur von Stadt und Kreis Gießen noch zweier Schöpfun⸗ gen aus der jüngsten Vergangenheit zur Hebung des Verkehrs gedacht, nämlich der Eingliederung Gießens infolge seiner günstigen geographischen und wirtschaftlichen Lage in das deutsche Luft⸗ verkehrsnetz durch Errichtung eines Flughafens und Stationierung eines Flugzeuges, sowie der Er⸗ bauung einer fast 3000 Personen umfassenden Volkshalle, die zur Aufnahme von Ausstellungen und Kongressen, aber auch als Pflegestätte für Leibesübungen bestimmt ist. So bieten also auch diese beiden Leistungen die Gewähr dafür, daß

Gießen, in dem schon heute zaͤhlreiche Verwaltungs⸗ und Verkehrsbehörden ihren Sitz haben, sich immer

mehr zu einem bedeutenden Verkehrsmittelpunkt entwickeln und damit einen gewichtigen Faktor in der hessischen Gesamtwirtschaft bilden wird.

Handwerk und Gewerbe in Stadt und Kreis Gießen.

Von Professor Dr. Krausmüller, Gießen.

In einem kleinen Ausschnitt waren die Erzeug⸗ nisse des Gießener Handwerks und Gewerbes auf der Ausstellung für Gartenbau und Elektrizität in der Zeit vom 11. bis 19. September 1926 in der Volkshalle in Gießen ausgestellt. Wer von den Beschauern hat sich vor Augen geführt, welche Arbeitskraft eingesetzt werden mußte, um in einer etwa einhundertjährigen Entwicklung Handwerk und Gewerbe in Gießen auf seine jetzige Höhe zu

bringen? In einer alten Statistik

aus dem Jahre 1829 finden wir über den Gewerbe⸗ stand innerhalb der Stadt Gießen folgende inter

essanten Aussührungen:

Die Bevölkerung von Gießen beträgt mit Ein⸗ schluß von Studenten und Gymnasiasten 7424 Die Hauptnahrungs⸗ zweige sind Acker⸗ und Gartenbau, Viehzucht, einige Fabriken, Handwerke, die Straßengewerbe, der Handel, die Provinzial- und Bezirksbehörden und die Universität. Die Stadt hat zwei Rauch⸗ tabakfabriken, die viele Hände beschäftigen, Likör⸗ und Essigfabrikanten, Seifenmacher und Lichter⸗ Rot⸗ und Messerschmiede, Gold⸗ und Silberarbeiter, mehrere Bierbrauer, wovon auch einer englisches Porterbier macht. Buchhandlungen hat Gießen drei, Buchdruckereien zwei, ferner eine Mahl⸗, eine Oel⸗ und eine Walk⸗

Seelen in 766 Häusern.

Strumpfweber, Büchsenmacher,

zieher, Hutmacher,

Weißgerber,

mühle.

Aus einem späteren Vortrag, den der damalige Vorsitzende des hiesigen Gewerbevereins Prof. Dr. von Ritgen im Jahre 1881 gehalten hat, ist zu ent⸗ nehmen, daß im Jahre 1829 hier vorhanden waren: drei Backsteinfabrikanten, drei Steinhauer⸗

meister, 15 Schreiner, 67 Schlosser, 3 Dach⸗ decker und 3 Zimmermeister.

Viele heute noch bestehende Firmen sind in 33

jener Zeit vor etwa 100 Jahren entstanden. Sie alle einzeln aufzuführen, würde hier zu weit führen.

Daß die Zeit der Erfindungen, der Uebergang vom Hand⸗ zum Maschinenbetrieb, die Einführung von Gas und Elektrizität und der dadurch bedingte Aufschwung der gesamten Wirtschaft auch am