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Das Haus Höpfner(bekannt durch Goethes Besuch) an der Ecke Sonnenstraße und Neuen Bäue und das
Diez'sche Haus, Neuen Bäue 9, zeigen frän⸗ kischen Einschlag in den zierlich reichen Schmuck⸗ formen ausgesägter Hölzer unter den Fenster⸗ brüstungen. Zierlich ist bei dem ersten auch noch die Bildung der hohen Streben in der Mitte und an den Ecken der Wand,„der wilden Männer“, wuchtiger sind diese schon bei dem Diez'schen
Hause gebildet, von ganz besonderer Wucht aber
bei der folgenden in sich eng zusammenhängenden Gruppe von großen Häusern:
Haus Weisel, Sonnenstraße 10, um 1610, mit heimeligem Hofe, dessen Galerien(die Vor⸗ läufer der Korridore in unseren heutigen Häusern) an oberrheinische Vorbilder erinnern mögen;
Haus Geisse in der Kaplansgasse und das wenige Schritte entfernte
Haus am Neuen Weg und Kreuzplatz;
Haus Ebel in der Zozelsgasse, das eine ver⸗ ständige Wiederherstellung verdient, schließlich die frühere
Hirschapotheke am Marktplatz, Ecke der Mäusburg, noch besonders ausgezeichnet durch ihren kühn über Eck gestellten Giebelerker und die frisch gezeichneten Formen der Brüstungsfüllungen in einer sich schon dem sogenannten Ohrmuschel⸗ stil, dem ältesten eigenen deutschen Barock nähern⸗ den Art.
Im achtzehnten Jahrhundert nimmt der Fach⸗ werkbau als Stilform ein klägliches Ende. Die Vorkragung und kräftige Gliederung, die ihm das eigene künstlerische Gepräge gab, hört nach und nach ganz auf. Die Häuser werden als einfache Wand⸗ gerüste aufgeschlagen, die zum Verputz, d. h. zur Vortäuschung von Steinwänden bestimmt sind. Ja man überputzt von dieser Zeit ab sogar die älteren gegliederten Fachwerkhäuser, die erst unsere Zeit unter dem deckenden charakterlosen Kleid wieder herausholt.
Denkmäler der Plastik
finden sich in unserer Stadt auf dem Alten Fried⸗ hofe am Nahrungsberg; es seien die folgenden herausgehoben:
In der alten, 1625 unter Johannes Ebel zum Hirsch erbauten, 1840 umgebauten Kapelle die noch in den ursprünglichen Farben bunt bemalten Denk⸗ maler theologischer Professoren von den Bildhauern Adam(+ 1630) und Philipp Franck zu Gießen; an der Außenmauer das barocke Grabmal des Vier⸗ Festungskommandanten, des 1723 verstorbenen Obersten von Langsdorff von dem Bildhauer Johann Friedrich Sommer aus Koburg(seit 1705 Bürger in Marburg, 4 1747) und das feine, leider neuerdings verstümmelte Barockgrabmal des 1737 verstorbenen Joh. Jakob Rambach.—
Abschnitt 1
Wirtschaft und Verkehr in der Stadt und im Kreise Gießen.
Von Handelskammersyndikus Dr. W. Zeidler, Gießen.
Gießen kann nicht, wie manche andere hessische Stadt, auf eine jahrhundertalte, wechselvolle und reiche Wirtschaftsgeschichte zurückblicken, wiewohl es an natürlichen Vorbedingungen hierfür nicht ge⸗ fehlt hat und schon frühzeitig auch von der Landes⸗
regierung alles getan wurde, um Handel und Ver⸗
kehr zu heben und zu fördern. Gießen war und blieb bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts eine kleine Landstadt, deren Einwohner— etwa 5000— sich vorwiegend mit Ackerbau und Viehzucht, ver⸗ einzelt auch mit Wein⸗ und Tabakbau beschäftigten. Erst im Jahre 1812 hielt mit der Errichtung einer Rauch⸗ und Kautabakfabrik durch den Dillenburger Kaufmann Georg Philipp Gail die
Industrie
ihren Einzug in Gießen. Von diesem Zeitpunkt an
gibt es dann allerdings keinen Stillstand im Wirt⸗ schaftsleben der Stadt und heute ist Gießen kein langweiliges Landstädtchen mehr, sondern ein leb⸗
haft aufstrebendes Gemeinwesen, welches in den
letzten Jahrzehnten eine recht beachtenswerte wirt⸗ schaftliche Entwicklung erfahren hat. Zu diesem wirtschaftlichen Aufschwung hat nicht wenig der Anschluß Gießens an das Eisenbahnnetz und damit an den großen Weltverkehr durch die in den Jahren 1850/52 erfolgte Erbauung und Eröffnung der Main—Weser⸗Bahn beigetragen, der bald weitere Bahnstrecken folgten, so daß heute Gießen
der Knotenpunkt von fünf wichtigen Eisenbahnlinien
ist. Es ist ja nun eine alte Erfahrung, daß Industrie und Handel die Anlehnung an bereits vorhandene Verkehrswege mit Vorliebe suchen, und so ist eben auch die Eingliederung Gießens in das Eisenbahn⸗ netz mit eine der Ursachen dafür gewesen, daß sich seit 1850 eine weitverzweigte Industrie in der Stadt selbst sowie im Kreise Gießen angesiedelt hat und heimisch geworden ist; diese rasche wirtschaftliche Entwicklung sei ziffernmäßig nur an dem Beispiel der Zigarren⸗ und Tabakindustrie dargetan als demjenigen Industriezweige, dem Gießen seinen wirtschaftlichen Aufstieg und die Wohlhabenheit
seiner Bewohner in erster Linie verdankt. Gail
begann 1812 seine Fabrik mit 8 geschulten Arbeitern, 1859 waren es bereits 9 Fabriken mit 1600 Ar⸗ beitern, und 1913 wurden insgesamt 4500 Per⸗ sonen in 70 Haupt⸗ und Nebenbetrieben in Stadt und Kreis beschäftigt, so daß Gießen heute zu den hervorragendsten Plätzen der deutschen Tabak⸗ und
Zigarrenindustrie überhaupt gehört. Als Hilfs⸗ gewerbe dieser Industrie hat sich die Zigarren⸗
kisten⸗ und Etikettenfabrikation hinzugesellt,


