Jahrgang 
1913
Seite
XVI
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Geschichtliches und Sehenswürdigkeiten der Stadt Gießen

eines großen Dekorationsfonds bestritten. Das Gebäude steht in der Süd-Anlage mit der Front, deren bildnerischer Schmuck von Bildhauer Jäger-Berlin stammt, nach der Bürgermeisterei gerichtet und enthält in Parkett und zwei Rängen 801 und mit den Orchesterplätzen 833 Sitzplätze. Ueber dem Vestibül liegt das prunvoll eingerichtete Foyer. Die Bühne ist 19 mebreit und 11 m tief, die Hinterbühne 13,4 muebreit und 6 w tief, die Bühnenöffnung beträgt 9747 m. Ueber der Hinterbühne liegt ein Malersaal von 118 qm Fläche. Zu beiden Seiten der Bühne befinden sich die Ankleideräume, die Kostümgarderoben, die Kulissen- und Möbel magazine, die Bureauräume ete. Im Souterrain des Zuschauerhauses liegt die Wohnung des Hausverwalters auf der Süd seite, die Heizungsanlage auf der Nordseite. Die Heizung ist eine Niederdruckdampfheizung, die Erwärmung des Zuschauerhauses ge schieht durch eine Luftheizung, bei der die erwärmte Luft durch die Deche eintritt und nach unten gedrückt wird. Der Zu schauerraum beherbergt ein Kunstwerk in dem von Hans Koberstein-Berlin gemalten Hauptvorhang.

Das Stadttheater spielt von Oktober bis April regelmäßig am Sonntag, Dienstag, Mittwoch und Freitag, ausnahmsweise auch an den anderen Wochentagen. Der Spiel plan umfaßt Schauspiel, Lustspiel und Posse. Im Sommer finden einige Gastspiele der Operette des Bad-Nauheimer Kurtheaters statt.

Bemerkenswerte alte Bauten. Das alte Schloß mit dem Bergfrit, Heiden turm(Brandplatz 2), aus dem 14. Jahrhundert stammend, der älteste Bau Gießens, ist ver schiedentlich umgebaut, ganz verfallen an die Stadt gekommen und von derselben völlig wieder hergestellt. Es birgt in dem nach dem Kanzleiberg zu gelegenen Flügel das Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins, in dem anderen nach dem botanischen Garten zu ge legenen Teile die zum Absteigequartier des Großherzogs von Hessen eingerichteten Räume. Die Ausstattung der Räume ist von der Provinz Oberhessen, sowie von einzelnen Bürgern Gießens und der Provinz gestiftet und von hessischen Firmen zum Teil nach Entwürfen des Professors Olbrich angefertigt. Eine Besichtigung ist sehr zu empfehlen. Das Quartier wurde vom Großherzoglichen Paare gleich nach Fertigstellung benutzt ge legentlich der 1907 stattgehabten dritten Zentenarfeier der Landes-Universität. Das neue Schloß(Landgr.-Phil.-Platz 2), ein zier⸗ licher, hess. Fachwerkbau auf massivem Unter geschoß, ist von Landgraf Phil. d. Großmütigen 1533 erbaut. Es ist jetzt äußerlich wieder herge stellt und wird auch im Innern nach und nach wieder ausgebaut. Ludwig IV. errichtete

1585 das jetzt als Kaserne benutzte gewaltige Zeughaus, dessen Front sich der Senchen⸗ bergstraße zuwendet, das architektonisch schönste historische Gebäude der Stadt. Inter essante hessische Fachwerkbauten sind die frühere Hirschapotheke(aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts), das alte, vor mehreren Jahren renovierte Rathaus(aus dem Anfangdes 16.Jahrhunderts) amMarktpl. und das Weiselsche Haus in der Sonnen⸗ straße, das sich durch sehr schöne Holzlauben auszeichnet. Von Burgmannenhäusern sind noch einige erhalten, z. B. die frühere Engelapotheke (Kirchenplatz 12) und das älteste und bei weitem interessanteste Wohnhaus, ein gotischer Bau, jetzt Kunsthandlung Leib(Kirchstr. 2).

Wasserleitungen des städtischen Wasser⸗ werks(Gartenstraße 3). Die erstbenutzten Quellen am Erlenbrunnen, Annaberg, Hu bertusbrunnen und bei Großen-Buseck hatten 1911 einen Erguß in den Niederdruckbehälter am Lutherberg von 285 480 ebm. Von den Pumpmaschinen in Queckborn wurden 1911 in den Hochdruckbehälter bei Annerod ge fördert 1419 762 ebm. Die Gesamt-Wasser⸗ zuführung für 1911 betrug also 1705 242 ebm. Der durchschnittliche tägliche Verbrauch an Wasser auf den Kopf der Bevölkerung beträgt 144 Liter. Von den 2404 bewohnten Häusern Gießens sind 2221 an die Wasserleitung an geschlossen Im ganzen stehen mit dem Wasser rohrnetz in Verbindung: 337 Straßenhydran ten, 73 Gartenhydranten für städtische Anlagen, 2293 Haus- und Garten-Anschlüsse. Das Gießener Leitungswasser ist vorzüglich. Die Gesamtlänge der Zuleitungen und des Straßen rohrnetzes beträgt 85256 m.

Gas- und elektrische Beleuchtung. Das städtische Gaswerk(Gartenstraße 3) wurde 1856 eröffnet und 1886 von der Stadt über⸗ nommen. Der Gasverbrauch betrug 1887 635 625 ecbm, 1911 2 163 810 cbm. Die Gasproduktion hat ständig zugenommen. Die Gesamtlänge des Straßenrohrnetzes beträgt 62513 m. Zur Straßenbeleuchtung dienen 891 Gaslaternen. Angeschlossen sind 5054 Gasabnehmer mit 21255 Gasmesserflammen und 17 Gaskraftmaschinen mit zusammen 79½.

Das städtische Elektrizitätswerk ist von Schuckert& Co., Nürnberg, erbaut

Nund im Sept. 1901 eröffnet. Erweiterungen wurden

in den Jahren 1907 und 1909 vorgenommen. Letztere wurden durch das Städtische Elektrizitätswerk ausgeführt. Als Betriebskraft dient die Wasserkraft der Lahn, Generatorgas und Dampfkraft. Die Maschinenanlage umfaßt zwei Turbinen von je 75 PS., zwei Gasmotore von je 150 P'8. und einen von 300 PS., und zwei Dampf maschinen von je 600 PS.; also zusammen 1950 PS. Für das Licht- und Kraftnetz und die