Jahrgang 
1909
Seite
XV
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Geschichtliches und Sehenswürdigkeiten der Stadt Gießen XV

zu erwähnen die Aliceschule, Haushaltungs schule Pnahene 20), Fortbildungsschule (Stadtknabenschule, Nord-Anlage 8), Kauf männische Fachschule(Nord-Anlage 15). Das Gewerbehaus(Kirchstr. 16) in welchem die Großh. Gewerbeschule und die Handwerker-Sonntagszeichenschule untergebracht worden ist, wurde vom Orts gewerbeverein Gießen für die Summe von rund 100 000 Mark(ohne Bauplatz) in den Jahren 1906 1908 unter der Präsidentschaft des Kommerzienrat Heyligenstaedt erbaut. Das Gebäude an der Kirchstraße 16 enthält im Erdgeschoß einen Fest und Ver sammlungsraum mit anstoßendem Beratungs zimmer, die Schuldienerwohnung und bis auf weiteres eine Mietwohnung. Das 1. und 2.Obergeschoß dient ausschließlich Schulzwecken und sind darin 8 Lehrsäle, Direktions- und Lehrerzimmer, Bibliothek, sowie Räume für Konstruktions-, mechanische und physikalische Modelle untergebracht. Das Kellergeschoß enthält große Modellierräume, die künftig praktischen Unterrichtszwecken dienstbar ge macht werden sollen. Die Beleuchtung ist insofern neu und für andere Schulgebäude beachtenswert, als nicht wie sonst üblich Deckenbeleuchtung, sondern Wandbeleuchtung und zwar hier nur zwischen den Fenstern angebracht worden ist, wodurch im ganzen Raͤume eine gleich mäßige Erhellung erreicht worden ist. Eine Besichtigung dieser vorzüglichen Einrichtung ist allgemein zu empfehlen.

Museen, Sammlungen, Ausstellungen ete. Das Museum des Oberhessischen Ge schichtsvereins ist 1905 aus dem alten Rathause in das alte Schloß(Brandplatz 2) verbracht, es enthält eine Sammlung von Altertümern, insbesondere aus Gießen und Umgegend, darunter sehenswerte prähistorische Gegenstände, sowie hervorragende germanische und römische Funde. Besuchszeit von 11 bis Uhr, an Sonn- und Feiertagen unentgeltlich, an Wochentagen für 50 Pfennig. Die Kunst ausstellungedes Kunstvereins für das Groß herzogtum Hessen, Zweigverein Gießen, im oberen Stock des Turmhauses(Brandplatz 3) bietet drei- bis vierwöchentlich wechselnde Aus stellungen neuerer Meister, ist geöffnet von 111 Uhr, außer Samstag, für Mitglieder un entgeltlich, für Nichtmitglieder Sonntags gegen 20 Pfg., an Wochentagen gegen 50 Pfg., für Studenten gegen 20 Pfg. Eintrittsgeld. Gips- sammlung des archäologischen Instituts(Lud wigstraße 23) im Sommer geöffnet gegen freien Eintritt Montag, Mittwoch, Freitag von 1112 Uhr, Dienstag, Donnerstag von 4-5 Uhr, im Winter Dienstag 4-5, Freitag 11 12 und Sonntag 121 Uhr. Botanischer Garten (Senckenbergstraße 6), 1609 angelegt, ent hält manche Seltenheiten, ist neuerdings

an den Pfeilern

durch ein Palmenhaus und ein größeres Warmwasserbecken vervollständigt. Täglich geöffnet(außer mittags von 12- Uhr)

Das Stadttheater wurde in den Jahren 1905- 1907 nach Plänen der Architekten Fellner und Helmer in Wien und H. Meyer in Gießen, von Letzterem erbaut und am 23. Juli 1907, acht Tage vor dem 300jähr. Jubiläum der Universität, eingeweiht. Der Bau, dessen Außenarchitektur in Gliederung und Aufbau der Antike entlehnt ist, während die Formen modern sind, verdankt seine Ent stehung derOpferwilligkeit von 600 Gießener Einwohnern, welche insgesamt rund 400000 Mark ohne Anspruch auf Zinsen und Rückzahlung stifteten; die Stadt Gießen stiftete dazu den Bauplatz und 50 000 Mark und lieh weiter ein zu verzinsendes Kapital von 200000 Mark. Mit der Summe von 650 000 Mark ist der ganze Bau einschl. eines großen Dekorationsfonds bestritten. Das Gebäude steht in der Süd-Anlage mit der Front, deren bildnerischer Schmuck von Bildhauer Jäger-Berlin stammt, nach der Bürgermeisterei gerichtet und enthält in Parkett und zwei Rängen 801 und mit den Orchesterplätzen 833 Sitzplätze. Ueber dem Vestibül liegt das prunvoll eingerichtete Foyer. Die Bühne ist 19 mebreit und 11 m tief, die Hinterbühne 13,4 mebreit und 6 m tief, die Bühnenöffnung beträgt 99747 m. Ueber der Hinterbühne liegt ein Malersaal von 118 qm Fläche. Zu beiden Seiten der Bühne befinden sich die Ankleideräume, die Kostümgarderoben, die Kulissen- und Möbel magazine, die Bureauräume ete. Im Souterrain des Zuschauerhauses liegt die Wohnung des Hausverwalters auf der Süd seite, die Heizungsanlage auf der Nordseite. Die Heizung ist eine Niederdruckdampfheizung, die Erwärmung des Zuschauerhauses ge schieht durch eine Luftheizung, bei der die erwärmte Luft durch die Deche eintritt und nach unten gedrückt wird. Der Zu schauerraum beherbergt ein Kunstwerk in dem von Hans Koberstein-Berlin gemalten Hauptvorhang.

Das Stadttheater spielt von Oktober bis April regelmäßig am Sonntag, Dienstag, Mittwoch und Freitag, ausnahmsweise auch an den anderen Wochentagen. Der Spiel plan umfaßt Schauspiel, Lustspiel und Posse. Im Sommer finden einige Gastspiele der Operette des Bad-Nauheimer Kurtheaters statt.

Bemerkenswerte alte Bauten. Das alte Schloß mit dem Bergfrit, Heiden turm(Brandplatz 2), aus dem 14. Jahrhundert stammend, der älteste Bau Gießens, ist ver schiedentlich umgebaut, ganz verfallen an die Stadt gekommen und von derselben jetzt völlig