Jahrgang 
1905
Seite
VI
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VI Fremdenführer durch Gießen

che errichtet und 1821 ent Sie gilt als Tupus des damaligen Kirchen baustiles. Der von ihr getrennt stehende Turm gehörte noch zur alten Kirche; laut einer Inschrift ist er 1484 begonnen worden. Hinter der Kirche stehen mehrere alte Holz⸗ bauten, von denen das Leib'sche Haus das interessanteste ist. Hier befanden sich Wohn⸗ häuser der ehemaligen Burgmannen an der Umfassungsmauer des ältesten Stadtteils. Name(am Burggraben) und Reste der

alten Mauer weisen noch auf diese Verhält⸗ Auch die der Kirche gegenüber⸗

nisse hin. liegende ehemaligeEngelapotheke ist ein altes Burgmannenhaus. Jenseits des Kirchenplatzes amEinhorn, dem ältesten Gasthof Gießens, vorbei führt uns der Weg über den Lindenplatz, auf dem ehemals die Gerichtslinde stand, an den Marktlauben

entlang nach demBrand. Der Name ist die letzte Erinnerung an eine riesige Feuersbrunst, die auf Pfingsten 1560 durch

Blitzschlag entstanden, 168 Häuser vernichtete. Gleich an der Ecke finden wir ein neues stattliches Gebäude, dasTurmhaus am Brand, dessen untere Räume die Feuer⸗ löschgerätschaften bergen, während sich im Oberstock die Wanderausstellung des Kunst⸗ vereins(Bildergallerie) befindet. Gegen⸗

sehen flüchtig an der anderen Seite des

Brandes das Kreisamtsgebäude, die ietzt den Zwecken der Gendarmerie dienende

über wird gegenwärtig ein Werk der Pietät

vollbracht. Das älteste erhaltene Gebäude Gießens, das alte Schloß, wird wieder im Geist der Vergangenheit hergestellt. Ob an seiner Stelle ein älteres Bauwerk gestanden hat, wissen wir nicht, da sich keine Spuren gefunden haben. Die Reste, kennen, deuten auf ein festes Schloß aus dem 14. Jahrhundert, vornehmlich der Berg⸗ frit, der nach einer in ihm gefangen gehal⸗ tenen Zigeunerbande im Volksmund den NamenHeidenturm führt. Der Bau, der ehemals den mannigfachsten Zwecken diente er war nach einander Herren⸗Wohnsitz, Regierungskanzlei, Wohnung des Amtmannes, dann des Stadthauptmannes, wiederum Kanzlei, Stadtgericht, Polizeiamt und zuletzt Kaserne soll künftig u. a. das Museum des

wie wir sie

Oberhess. Geschichtsvereins aufnehmen. Durch

den Eingang des sehenswerten botanischen Gartens(angelegt 1609) von ihm getrennt folgt die ehemalige Universitäts⸗Bibliothel, die jetzt für das Botanische und das Land⸗ wirtschaftliche Institut eingerichtet wird. Auf der anderen Seite, an der Senckenberg⸗ straße, erhebt sich das zierliche 1530 erbaute Schlößchen, das bis zu der vor kurzem er⸗ folgten Wiederherstellung die Geschäftsräume der Universität beherbergte. Unmittelbar daran schließt sich die 1585 als Zeughaus

errichtete Kaserne(für zwei Kompagnien),

das architektonisch Stadt.

schönste Gebäude der Wir wenden uns wieder rückwärts,

ehemalige Hauptwache aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und die Universitäts⸗ Reitbahn(erbaut 1720, früher Anatomie) und gehen denKanzleiberg hinab indie Sonne, an deren Kreuzung mit der Schul⸗ straße das frühere Rickersche Haus steht. Hier erinnert eine Gedenktafel an die Be⸗ suche, die der junge Goethe seinem in diesem wohnenden Freund, dem Professor der Rechte Höpfner, von Wetzlar aus ge⸗ macht hat. In ihrem weiteren Verlauf trifft die Sonnenstraße, an der hier das Klubhaus der Gesellschaftsvereins liegt, an den Beginn äusburg und schließt so den Ring der altesten Stadt⸗ rg Dur die wir seit dem Betreten derMäusburg durchwandert haben. Wir aber wenden uns jetzt dem modernen Gießen zu. Freilich begegnen wir auch auf diesem Wege noch mancher historischen Erinnerung. Gehen wir die an dem Richerschen Haus die Fort⸗ setzung der Schulstraße ber 200Neuen Bäue, die auch schon über 200 Jahre alt sind, entlang, so treffen wir bald an die nlagen, die auf dem ehemaligen Festungs⸗ Glacis gepflaͤnzt und nach den vier Himmels⸗ Oomüch benannt, mit ihrem gärtnerischen Schmuch die Innenstadt umziehen und zu jeder Jahreszeit herrliche Spaziergänge bieten. An der Süd-Anlage, die vom Aus⸗ derNeuen Bäue nach rechts ab zweigt, hat nicht weit vom Gymnasium die neue Johanneskirche(von Griesebach) ihren Platz gefunden, und in der Ost-Anlage,

die links abzweigt, erhebt sich das 1890 ent⸗

hüllte Liebig-Denkmal von Schaper in leuchtend weißem Marmor, mit den grünen Baummassen des Botanischen Gartens im

Hintergrund einen wundervollen Kontrast bildend. Ein weiteres Denkmal, das für den bekannten 5060 feter Heyer, ziert die

Nord⸗Anlage. Doch setzen wir unseren Weg von denNeuen Bäuen aus in gerader Zwischen dem Bürgermeisterei⸗ Gebäude(r.) und der Freimaurer-Loge Ludwig zur Waßse(.) am städtischen

as⸗ und Wasserwerk vorbei ge⸗ langen wir über die Wieseck⸗Brücke zum Ludwigsplatz, von dem aus links die Grün⸗ berger und Licher Straße zur neuen Kaserne und zu dem als Pavillongruppe erbauten und 1903 bezogenen Provinzial-Siechen haus führen, während rechts die Ludwig⸗ straße uns in das akademische Viertel bringt. Nahe nebeneinander stehen hier an der linken Seite dieser Straße das Gebäude für Realgymnasium und Realschule, das chemische Laboratorium und das Kollegienhaus der Universität.q Hinter dem letzteren, an der Ecke der Goethe und