Jahrgang 
1905
Seite
V
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Fremdenführer durch Gießen

endic beruft in seinem Tesament(1500) den Bürgermeister von Gießen in den Rat der Landstände, vor dem die Vormünder seines Sohnes, Philipps des Großmütigen, Rechenschaft ablegen sollen.

Unter Philipp beginnt für die Stadt eine neue Epoche, sie erhält von ihm ihre Festungs⸗ werke und wird zu einem Haupt-Waffen⸗ platz des Landes. Zwar werden die Werke 1547 auf Befehl Karls V. durch den Grafen Reinhard von Solms geschleift, aber Philipp baut sie 1560- 1564 bedeutend verstärkt wieder auf.

Nach dem Tode hessischen Landgrafen wird sein Erbe unter seine Söhne geteilt und Gießen fällt Ludwig IV. von Marburg zu. Als dieser kinderlos ge⸗ storben war, gelangte der südliche Teil Ober⸗ hessens mit Gießen an Ludwig V., den Getreuen von Darmstadt, der 1605 ein Gymnasium illustre und zwei Jahre später die Universität gründete. Von 1625 bis 1650 wurde die Hohe Schule mit der Marburger vereinigt, so lange Marburg mit dem nörd⸗ lichen Oberhessen im Besitze der Darmstädter Linie war. Als dieser Teil endlich mit dem Kasseler Hause vereinigt wurde, kehrte die Universität endgültig nach Gießen zurüch.

Während des dreißigjährigen und des siebenjährigen Krieges, schließlich während der Revolutionskriege, hatte die Stadt sehr viel zu leiden. Hier aber zeigte es sich, daß sie als Festung ihre Rolle ausgespielt hatte, und mit dem neuen Jahrhundert fiel der sie einengende Gürtel; die Werke wurden 1805 bis 1810 geschleift.

In kirchlicher Beziehung war Gießen zu⸗ nächst unselbständig, es war der viel älteren Kirche von Selters inkorporiert. Mit ihr unterstand es dem Archidiakonat in Diet⸗ kirchen und mit diesem der Diöcese Trier. Am Ende des 13. Jahrhunderts wird die Pfarrei nach Gießen verlegt, wo seither nur eine Kapelle des hl. Pankratius bestand. Diesem Heiligen bleibt auch die Pfarrkirche fürderhin geweiht. Die Reformation fand bald nach 1530 ihren Eingang in unserer Stadt und Daniel Greser war der erste evangelische Pfarrer. Im Jahre 1601 wurde Gießen der Sitz einer Superintendentur mit Jeremias Vietor als erstem Superintendenten.

Unternehmen wir nun einen schnellen Gang durch die Stadt.

Das erste Gebäude, das uns in die Augen fällt, wenn wir vom Bahnhofe kommen, ist das stattliche Hauptpost-Ge⸗ bäude. Ihm schräg gegenüber streckt sich ein langer, der Wissenschaft geweihter Bau, der das anatomische und das zoologische

Institut birgt. Die Sammlungen des letzteren

dieses größten aller

sind reichhaltig und scherswert Wir biegen in die Liebigstraße ein und haben zur Rechten neben dem Hauptsteueramt die chirur⸗ gische und Universitäts⸗ Augenklinilk, in deren westlichem Flügel einst Justus von Liebig sein weltberühmtes Laboratorium eingerichtet hatte. Gleich darauf wenden wir uns links, die Frankfurter Straße hinab, die früher den Namen Seltersberg führte, und deren Fortsetzung nach Norden der Seltersweg, die Hauptverkehrsader der Stadt, bildet. Die beiden Namen erinnern noch an jenen oben erwähnten ausgegangenen Ort Selters(Saltrissa). An dem Eingange der Innenstadt, wo die Anlagen die Straßen kreuzen, stehen zwei 42 der Rüheren 102 en, 1810 erbaut. Jedes der früheren 4 Tore weist solche Häuschen auf, die jetzt den mannigfachsten Zwecken dienen. Das östliche am Seltersweg enthält die Räume der öffentlichen Lese⸗ und Bücherhalle, die täglich von 10 Uhr morgens bis 10 uhr abends für jedermann zu unentgeltlichem Besuche geöffnet ist. Der Seltersweg führt uns vorbei an dem vorbildlich eingerichteten Volksbad(Schwimm⸗, Zellen⸗ usw. Bäder) mitten in die Stadt über den Kreuzplatz zur Mäusburg. Hier treffen wir die Grenze der ältesten Stadt-⸗Anlage und gelangen wenige Schritte weiter zum Marktplatz, der durch sein altertümliches Ansehen angenehm berührt. An ihm finden wir das kürzlich wieder her⸗ gestellte, in seinen ide 15 vielleicht aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammende Rathaus, das die typische Form hessischer Rathäuser mit der unteren großen Halle aufweist. Heute beherbergt es das Museum des ssisch

das sich durch reihhaltge Sammlungen aus prähistorischer(Bronze⸗ un La Tene.) und der römischen Zeit und durch eine schöne Münzsammlung auszeichnet. Die sehr sehenswerte Sammlung aus Mittelalter und Neuzeit entstammt überwiegend der Provinz Oberhessen. Geöffnet das Museum frei an Sonntagen von 111 Uhr, sonst gegen 50 Pfg. Eintrittsgeld.

An der Breitseite des Marktes erhebt sich ein stattlicher Holzbau aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts, die vam 1800 Hirsch⸗ apotheke. Hier wurde am 1. März 1610 der als Geschihtslehrer un Saltt und

han

zu Münster die suebt das nen hielt. diesen Häusern strebt das neue Krieger⸗ denkmal, von dem Darmstädter Bildhauer Habich 190⁰ entworfen und ausgeführt, empor. Vom Marktplatz gelangen wir un⸗ mittelbar zum Kirchenplatz mit der neuer⸗ dings umgebauten Stadtkirche. Diese wurde an Stelle der alten 1520 geweihten