Jahrgang 
1905
Seite
IV
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Noch vor zwanzig Jahren war die Haupt⸗ stadt der Provinz Oberhessen trotz ihrer über⸗ aus günstigen Lage an dem Schnittpunkt mehrerer Eisenbahnlinien ein Ort, an dem der Fremdenstrom beinahe achtlos vorüber⸗ ging. Die schöne Lage an der Lahn, die liebliche Umgebung mit ihren endlosen Wäldern und romantischen Burgruinen auf ragenden Höhen, Vorzüge, die schon vor mehr als hundert Jahren den bekannten Reichsfreiherrn Renatus Karl v. Senckenberg unserer Stadt den Vor⸗ rang vor den meisten Städten Europas zu⸗ erkennen ließen, vermochten nicht, den Fremden zu kurzem Aufenthalt zu verlocken. Der Grund dieser Erscheinung mag wohl in der Unansehnlichkeit der damaligen Innenstadt zu suchen sein. Seitdem hat sich viel, ja fast alles, geändert. Zwar sind die alten Straßen dieselben geblieben, aber sie haben ein anderes Aussehen bekommen. In der Bevölkerung erwachte und breitete sich aus der Sinn für das Historische. Man entdeckte, daß Gießen eine ganze Reihe bemerkenswerter alter Bauten besaß, und ließ es sich angelegen sein, sie würdig wiederherzustellen. Die hübsche für Hessen so charalteristische Holzkonstruktion vieler Bürgerhäuser war unter unscheinbarer Tünche verborgen. Jetzt kam sie wieder zu Ehren, und wo der Nachbar einen Umbau vornehmen mußte, paßte er sein Haus der Umgebung an. S0 erhielt die Altstadt das ihr in früheren Zeiten eigentümliche malerische Aussehen zurück. Aber auch Handel und Wandel hatten sich mächtig gehoben. Die in Gießen schon lange blühenden Industrien hatten sich bedeutend vergrößert, neue Eisen⸗, Ton⸗ und Kalkwerke waren errichtet worden und in Bezug auf Zigarren⸗ und Tabahfabrikation war Gießen an eine hervorragende Stelle in Deutschland gerückt. Auch die Universität, ein bedeutender Faktor in unserem öffentlichen Leben, hat ihre Lehrstühle erheblich vermehrt und ihre Studentenzahl hat bereits das zweite Tausend begonnen. Aeußerlich zeigt sich dieser all⸗ gemeine Aufschwung in dem Anwachsen der

Fremdenführer durch Gießen.

Bevölkerung, die seit 1880 um die Hälfte ihrer damaligen Ziffer gestiegen ist, und in der Entstehung neuer Stadtteile, die zum Teil reizende Villenviertel aufweisen.

Die Anfänge der Stadt reichen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück. Vom

Gleiberg aus wurde hinter der jetzigen Stadt⸗

kirche(am Burggraben!) zum Schutze des gleichfalls dem Gleiberger Grafengeschlecht seine Entstehung verdankenden Augustiner⸗ Stifts Schiffenberg eine Wasserburg errichtet, die 1197 zum ersten Male unter dem Namen zzu den Gyezen urkundlich erscheint und sich bald zu einer Stadt erweitert. Nach dem Aussterben des Gleiberger Grafenhauses fällt Gießen im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts durch Erbgang an die Pfalzgrafen von Tübingen, aus deren Hand es zwischen 1264 und 1265 wahrscheinlich durch Kauf in den Besitz der Landgrafen von Hessen übergeht. Schon frühe hatte die Stadt als befestigter Ort und als Sitz eines Gerichts 1250 werden ein Schultheiß und acht Schöffen ur⸗ kundlich bezeugt für die Umgegend Be⸗ deutung gewonnen. In den zahlreichen Fehden der neuen Herren, besonders in den Kämpfen mit Mainz, fiel ihr eine wichtige Rolle zu. In dem Schutze ihrer Mauern siedelte sich viel Volks vom platten Lande an und 1325 hören wir von der ersten Stadterweiterung, als Landgraf Otto dem Zuzug Bürgerrecht erteilt. Das Verhältnis zwischen der Stadt und dem Landgrafenhaus war allezeit gut. Trotz aller Drangsale, die sie in den kriegerischen Zeiten auszuhalten hatte, hielt die Bürger⸗ schaft im Gegensatz zu den Städten Nieder⸗ hessens in unwandelbarer Treue zu ihren Herren. Dafür wurde sie von diesen mit mancherlei Freiheiten bedacht. Landgraf Herrmann der Gelehrte gab ihr eine frei⸗ sinnige Ratsverfassung, die ihr von der Vor⸗ mundschaft seines Sohnes nur vorübergehend wieder entzogen wurde. Dieser Sohn, Ludwig der Friedfertige, verleiht der Stadt zwei Jahrmärkte, denen Kaiser Maximilian 1497 zwei weitere zufügt. Landgraf Wilhelm II.

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