VI Fremdenführer durch Gießen.
ein Werk der Pietät vollbracht. Das älteste erhaltene Gebäude Gießens, das alte Schloß, wird wieder im Geist der Vergangenheit hergestellt. An seiner Stelle stand die von den Gleibergern errichtete Burg, von der aber Spuren nicht mehr nachweisbar sind. Die Reste, wie wir sie kennen, deuten auf ein festes Schloß aus dem 14. Jahrhundert, vor⸗ nehmlich der Bergfrit, der nach einer in ihm gefangen gehaltenen Zigeunerbande im Volksmund den Namen„Heiden— thurm“ führt. Der Bau, der ehemals den mannigfachsten Zwecken diente— er war nach einander Herren-Wohnsitz, Regierungskanzlei, Wohnung des Amt— mannes, dann des Stadthauptmannes, wiederum Kanzlei, Stadtgericht, Polizei— amt und zuletzt Kaserne— soll künftig Museumsräume und ein Absteigequartier für den Landesherrn enthalten. Durch den Eingang des botanischen Gartens (angelegt1609) von ihm getrennt folgt die Universitäts⸗ und von Sencken⸗ bergische Bibliothek mit etwa 300 000 Bänden. Mit einem Neubau für diese Schätze wird demnächst in der Stephan⸗Straße begonnen werden. Auf der anderen Seite der Bibliothek, an der Senckenberg-Straße, erhebt sich das zierliche, angeblich 1570, wahrscheinlich aber schon etwa 1535 erbaute Schlöß— chen, das bis zu der vor kurzem er— folgten Wiederherstellung die Geschäfts— räume der Universität beherbergte. Un— mittelbar daran sehließt sich die 1585 als Zeughaus errichtete Kaserne(für 1Ba⸗ taillon), das architektonisch schönste Ge— bäude der Stadt. Wir wenden uns wieder rückwärts, sehen flüchtig an der anderen Seite des„Brandes“ das Kreisamtsgebäude, die jetzt den Zwecken der Gendarmerie dienende ehe— malige Hauptwasche und die Uni⸗ versitäts⸗Reitbahn(erbaut 1720, früher Anatomie) und gehen den„Kanzlei— berg“ hinab in„die Sonne“, an deren Kreuzung mit der Schul-Straße das
frühere Ricker'sche Haus steht. Hier erinnert eine Gedenktafel an die Be⸗ suche, die der junge Goethe seinem in diesem Hause wohnenden Freund, dem Professor der Rechte Höpfner, von Wetzlar aus gemacht hat. In ihrem weiteren Verlauf trifft die Sonnen⸗ Straße, an der hier das Clubhaus des Gesellschaftsvereins liegt, an den Beginn der„Mäusburg“ und schließt so den Ring der ältesten Stadtanlage, die wir genau seit dem Betreten der Mäusburg durchwandert haben. Wir aber wenden uns jetzt dem modernen Gießen zu. Freilich begegnen wir auch auf diesem Wege noch mancher histo— rischen Erinnerung. Gehen wir die an dem Rickerschen Haus die Fortsetzung der Schul-Straße bildenden„Neuen Bäue“, die jedoch auch schon 200 Jahre alt sind, entlang, so treffen wir bald an die Anlagen, die auf dem ehemaligen Festungs-Glacis gepflanzt und nach den vier Himmelsrichtungen benannt, mit ihrem gärtnerischen Schmuck die Innen— stadt umziehen und zu jeder Jahreszeit herrliche Spaziergänge bieten. An der
Süd-⸗Anlage, die vom Ausgang der
„Neuen-Bäue“ nach rechts abzweigt, hat nicht weit vom Gymnasium die neue Johannis kirche(von Griesebach) ihren Platz gefunden und in der Ost- Anlage, die links abzweigt, erhebt sich das 1890 enthüllte Liebig-Denkmal von Schaper in leuchtend weißem Mar— mor, mit den grünen Baummassen des Botanischen Gartens im Hintergrund
einen wundervollen Kontrast bildend.
Ein weiteres Denkmal, das für den be— kannten Forstmann Heyer, ziert die Nord-⸗Anlage. Doch setzen wir unseren Weg von den„Neuen Bäuen“ aus in gerader Linie fort. Zwischen dem Bürgermeisterei-Gebäude(r.) und der Freimaurer-Loge„Ludwig zur Treue“(l.) am städtischen Gas⸗ und Wasserwerk vorbei gelangen— wir über die Wieseck-Brücke zum Lud⸗


